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Qualität war gestern – Spiegel-Online und die Räumung der Brunnenstraße 183

By bluejax • Nov 27th, 2009 • Category: Aktueller Artikel, Medien

Die Berliner Polizei hat mit 600 Beamten ein als besetztes Haus geltendes Gebäude in der Berliner Brunnenstraße 183 geräumt, um letztlich 23 Personen vorläufig festzunehmen. Spiegel-Online hat dazu ein Video veröffentlicht, wie es die Springer-Presse in den 1968ern nicht hätte besser publizieren können!

Es war einmal der Spiegel

Spiegel-Online vs. Brunnenstraße 183

Es war einmal ein Magazin, dass in der BRD die Fahnen des Qualitätsjournalismus hoch gehalten hatte; ein Magazin, das als Leitmedium die öffentliche Meinungsbildung abseits des Springer-Imperiums bestimmte; ein Magazin, das in der deutschen Presselandschaft für Objektivität, Qualität, Pressefreiheit stand; ein Magazin, das „im Zweifelsfalle links“ (Augstein) angesiedelt war.

Und dann irgendwann kam Stefan Aust. Unter Aust als Chefredakteur wurde aus dem ehemals eher linken Qualitätsmagazin ein liberales Blättchen, das inhaltlich oftmals am neoliberalen Rand fischte und ein immer boulevardeskeres Bild annahm.

Die Aus(t)-Zeit

Bereits im März 2006 erschien bei Bluejax.net der Artikel „Der Spriegel – Spiegel goes Springer“, in dem ich mich etwas ausführlicher mit dem Wandel des Spiegels hin zum Nachrichtenmagazin mit neoliberalem Anstrich auseinandergesetzt hatte. Nicht nur alleine die politische Neuorientierung des Spiegel, sondern insbesondere die augenscheinlich immer weiter abnehmende Qualität der journalistischen Berichterstattung (Stichwort: Aust`s Windmühlen) brachte mich schließlich dazu, seinerzeit mein jahrelanges Abonnement des Magazins zu kündigen.

Spätestens seit Aust scheint der Spiegel in einer Identitätskrise zu stecken und wer dachte, dass diese nach dem Abgang des egozentrischen Chefredakteurs schnell beendet sein würde, dürfte inzwischen festgestellt haben, dass sich manche Gewohnheiten doch nicht so leicht wieder abstreifen lassen.

Viel schlimmer noch als das Print-Magazin, hat es jedoch dessen Onlineableger Spiegel-Online getroffen. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen unterscheidet die weitreichenstärkste Nachrichtenseite im deutschsprachigen Internet oftmals nur sehr wenig von den Angeboten des Springer-Konzerns. Ganz im Gegenteil, ab und wann kann ich mich sogar nicht gegen das Gefühl wehren, dass selbst Welt Online des Öfteren ausgewogener berichtet, als es bei Spiegel-Online der Fall ist.

Das wirre SpOn-Video

Nun wurde bei Spiegel-Online ein Spiegel-TV-Video veröffentlicht, welches sich bestens in das oben beschriebene Bild von Spiegel und Spiegel-Online einordnet. Hintergrund ist eine Aktion der Berliner Polizei, die am 24. November 2009 mit nicht weniger als 600 (!!!) Beamten ein Gebäude in der Berliner Brunnenstraße 183 geräumt hatte. Das Haus galt seit Jahren als friedlich besetzt von linksalternativen Gruppierungen. Im Gebäude war auch der Umsonstladen beheimatet, ein Projekt, in dem Gegenstände statt geldlich erworben durch Tausch den Besitzer wechselten. Bei der Räumung, bei der es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen gekommen ist, wurden letztlich 23 (!!!) Personen festgenommen.

Spiegel-Online (bzw. Spiegel-TV = Stefan Aust!) veröffentlichte seinerzeit ein Video mit folgendem Inhalt:

Titel: Linke Gewalt: Besetztes Haus geräumt

In Berlin-Mitte hat der linksautonome Spuk ein Ende – zumindest vorläufig. 600 Beamte der Polizei und das SEK haben am Nachmittag ein seit Monaten besetztes Haus geräumt. Der Besitzer – ein Arzt aus Passauer – hatte seit Monaten vergeblich Miete gefordert. Ursprünglich hatte er dort ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt geplant. Die Besetzer haben das allerdings sehr eigenwillig interpretiert. Bereits im Sommer signalisierten sie, dass sie das Haus auf keinen Fall freiwillig räumen räumen. Nun endlich haben die zuständigen Behörden reagiert.

[00:30 Schnitt: War der vorangegangene Text mit Bildern von der „Räumung“ der Brunnenstraße hinterlegt, kommen jetzt auf einmal Bilder von den Krawallen des ersten Mai]

Linksradikale Gewalt gehört in Berlin inzwischen zum traurigen Alltag. Mehr als 280 Autos wurden in diesem Jahr bereits in Brand gesteckt. Die Täter wollen so den Zuzug wohlhabender Bürger verhindern. Oftmals wird ihr Verhalten von linksorientierten Lokalpolitikern gedeckt. Für die Täter möglicherweise eine Art Freibrief.

[00:49 Schnitt: Es folgt eine Aussage von Claudia Schmid vom Verfassungsschutz Berlin]

„Wir haben ja sogar Äußerungen aus dem politischen Raum wo quasi so etwas gerechtfertigt wird und entschuldigt wird, weil ja bestimmte Taten gegen den Krieg und gegen den Militarismus sind. Das ist gefährlich und kann den Tätern das Gefühl geben, dass man hinter ihnen steht.“

[01:08 Schnitt: Es folgen wieder Aufnahmen von der Räumung der Brunnenstraße 183]

Wie so oft besteht zu befürchten, dass die Räumung vom Nachmittag weitere Gewalt nach sich zieht. In Berlin soll es nach Angaben des Verfassungsschutz 2000 gewaltbereite Autonome geben.

Journalistische Qualität á la SpOn

Chapeau Spiegel-Online! Wäre die Räumung der Brunnenstraße 183 Ende der 1960er abgelaufen, ein Video der damaligen Springer-Presse wäre inhaltlich wohl nicht viel anders aufbereitet gewesen! Ohne direkten roten Faden werden in dem eine Minute und 21 Sekunden langem Video diverse Themen miteinander vermischt, ohne dass die unmittelbaren Zusammenhänge für den Rezipienten deutlich erkennbar wären.

Interessant, dass dabei lediglich in den ersten 30 Sekunden auf die eigentliche Nachricht, nämlich die Räumung des Hauses, eingegangen wird. Die restliche Zeit des Beitrages beschäftigt sich mit linksextremistischer Gewalt, der auf den ersten Blick mit der Räumung selbst nicht wirklich in direktem Zusammenhang zu bringen ist – zumindest macht der Beitrag diesen Zusammenhang nicht wirklich deutlich.

Die Macht der Bilder

Schaut man sich die gezeigten Bilder genauer an, sieht man eine recht unspektakuläre Räumung. Es werden lediglich Polizei-Transporter gezeigt oder Polizisten, die ganz gemütlich in das geräumte Haus gehen. Zum Glück für die Medien haben sich wenigstens zwei maskierte Männer auf das Dach des Gebäudes gestellt und eine Antifa-Fahne geschwenkt – immerhin. Um die Sensationsgier dann allerdings doch noch zu stillen, so scheint es, wurde etwas im Archiv gekramt und voila: Steinewerfer, Festnahmen und brennende Autos – geht doch, spektakuläre Bilder extra für Spiegel-Online!

Auch die Wertungen innerhalb des Textes sind sehr interessant. Schon der Titel versucht einen direkten Zusammenhang zwischen linksextremistischer Gewalt und der Räumung des Gebäudes herzustellen. Der Rest des Beitrages schließlich ist gespickt mit Wertungen („Spuk“, „eigenwillig“ „endlich“, „traurig“), Annahmen („möglicherweise“, „zu befürchten“) sowie dem Versuch, „linksorientierte Lokalpolitiker“ irgendwie noch in die Kritik mit einzubauen. Ein bisschen erinnert mich der Beitrag an meinen Offenen Brief, den ich in einer ähnlichen Sache an die Redaktion des heute Journal geschrieben (und übrigens auch eine Antwort darauf vom Südamerika-Korrespondenten des ZDF, Carsten Thurau, erhalten) hatte.

Medienjournalismus, kein politisches Statement!

Versteht mich bitte nicht falsch, ich möchte hier keine politische Richtung verteidigen oder vertreten, darum geht es mir in diesem Artikel beileibe nicht. Es geht hier darum, wie sich ein angebliches Qualitätsmagazin journalistisch mit einer Nachricht auseinandersetzt und diese an den Rezipienten vermittelt. Das Selbstbild des Journalismus sieht vor, dass dieser mit seiner Arbeit einzig der Öffentlichkeit verpflichtet ist, die wiederum eine möglichst objektive Berichterstattung von ihm erwartet, um den Meinungsbildungsprozess zu fördern!

Interessant übrigens auch ein Blick in die „richtige“ Springerpresse: So titelte Bild.de etwa sehr plakativ „Nach Bild-Berichten handeln endlich die Behörden – Polizei räumt Chaoten-Haus“:

Drei Jahre lang sahen die Behörden untätig zu. Gestern griff die Polizei endlich durch. 600 Beamte stürmten das besetzte Haus in der Brunnenstraße 183, räumten das linke Terror-Nest.

Interessant dahingehend die Meldung von Welt-Online mit dem Titel „Linksalternatives Wohnprojekt – 600 Polizisten räumen besetztes Haus in Berlin“. In dem Artikel wird sich relativ (!) objektiv mit den Geschehnissen auseinandergesetzt, was sich schon mit der in der Überschrift gewählten Formulierung „linksalternativ“ (Zum Vergleich: Spiegel-Online spricht durchgängig von Linksextremismus und linker Gewalt) andeutet. Und anders auch als Spiegel-Online, das sich total auf die nicht unmittelbar mit der Räumung in Zusammenhang stehenden Krawalle des ersten Mais einschießt, geht man bei Welt-Online wenigstens ansatzweise etwas auf die Hintergründe der Räumungsgeschichte und in zwei Sätzen auch auf den Umsonstladen ein.

Nicht ganz uninteressant was die Darstellung von Ereignissen angeht ist in diesem Zusammenhang auch ein Beitrag, den das NDR-Medienmagazin Zapp vor einigen Wochen unter dem Titel „Krawalle – Der Kampf der Öffentlichkeit“ ausgestrahlt hatte.

Intereffikation: Woher die Nachricht kommt

Zapp hat die Hamburger Schanzenkrawall 2009 zum Anlass genommen, um sich mal etwas näher anzuschauen, wie etwaige Ereignisse in den Medien dargestellt werden. Wer produziert den Content; woher kommen die Bilder; wovon ist es abhängig, wie ein Ereignis in der Öffentlichkeit bewertet wird. Die Macht der Bilder, wer hat die Deutungshoheit?!

bluejax aka PorNoKratie
Berlin, den 27. November 2009

Quellen und Links:
http://www.bluejax.net/2006/03/13/%e2%80%9eder-spriegel%e2%80%9c-%e2%80%93spiegel-goes-springer/
http://www.spiegel.de
http://www.welt.de
http://www.spiegel.de/video/video-1033464.html
http://www.bluejax.net/2007/08/06/offener-brief-an-die-betreffende-redaktion-und-deutsche-medien-%E2%80%93-kritik-an-marietta-slomka-vom-heute-journal/
http://www.bluejax.net/2007/09/23/reaktion-carsten-thurau-beantwortet-%E2%80%9Eoffenen-brief%E2%80%9C-an-die-zdf-heute-journal-redaktion/
http://www.bild.de/BILD/regional/berlin/aktuell/2009/11/25/chaoten-haus/von-polizei-geraeumt.html
http://www.welt.de/politik/article5317738/600-Polizisten-raeumen-besetztes-Haus-in-Berlin.html
http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/archiv/medien_politik/krawalle118.html
http://www.youtube.com/watch?v=-X3f96XS0kg

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4 Responses »

  1. @ All

    Wie mir von mehreren Seiten mitgeteilt wurde, gab es in den vergangenen Stunden ein großes Problem mit der Nutzung der Kommentarfunktion. Diese war bis gerade eben leider nicht möglich! Wer einen Kommentar absenden wollte, erhielt lediglich die Fehlermeldung “failed to open stream: Permission denied in Unknown on line 0″. Nach einigen Versuchen, habe ich den Fehler inzwischen analysiert und gefixt, es war ein Problem mit den Rechten in der wp-comments-post.php (755).

    Die Kommentarfunktion ist somit ab sofort wieder einsatzfähig!

    Liebe Grüße,
    bluejax

  2. Schön das endlich wieder gebluejaxed wird! Interessant zu lesender Artikel, well done.

  3. Gut geschriebener Artikel zu trauriger Spiegelrealität.
    Aber wen wundert’s!? In den Zeitgeist des neoliberalen Anarchismus passt eben auch eine Renaissance ideologischer, oberflächlicher Propaganda. Mich würde es auch nicht wundern, wenn die erwähnten vermummtem Fahnenschwenker auf dem Dach des geräumten Hauses ein paar ausgebeutete Medienpraktikanten waren: “Hier zieht das an, nehmt die Fahne und schwenkt die dort oben, wenn gleich die Polizei kommt. Wenn wir gute Bilder kriegen, dann verlängern wir vielleicht auch euren Arbeitsvertrag.”

  4. Find den Artikel ganz gut zu lesen. Es ist ein äußerst schwieriger Bereich, da von keiner Seite die Realität richtig dargestellt wird! Ich habe dies selbst in den Pressemitteilungen über die Ungdomshuset-Demos feststellen können, bei denen ich selbst anwesend war. Es gibt sie nicht, die objektive Wahrheit, das muß klar sein. Aber solch offensichtlich gesteuerten Medienberichte wie vom Spiegel sind nicht hinnehmbare Realitätsverdrehungen!

    Denkt jenseits von Systemen und vordiktierten Politikschemata, egal welcher Richtung, egal welcher Gruppierung!!!

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