Protest gegen Thor-Steinar-Laden in Berlin-Friedrichshain: (M)ein Kiez will keine Nazis!
By bluejax • Mrz 6th, 2009 • Category: Aktueller Artikel, Rassismus/ Rechtsextremismus Die BewohnerInnen des Berliner Stadtteils Friedrichshain sind in Aufruhr. Grund ist ein neu eröffneter Laden, der mitten im links-alternativen Kiez Klamotten der bei Rechtsextremen beliebten Marke Thor-Steinar vertreibt. Und das ausgerechnet an einem Ort, wo zu NS-Zeiten Antifaschisten gefoltert und ermordet wurden!

Schock-Nachricht: Nazi-Laden auf dem Kiez
Die Nachricht schlug vor genau einer Woche ein wie eine Bombe: In der Petersburger Straße sollte bereits am darauffolgenden Tag ein Thor-Steinar-Laden eröffnet werden. Angeführt von den Grünen und der Friedrichshainer AntiFa blieben nur wenige Stunden, um möglichst viele Menschen dagegen zu mobilisieren. Trotz dieses kurzen Zeitfensters gelang es am vergangenen Samstagmorgen um 09.30 Uhr geschätzte 200 bis 250 Menschen auf die Straße vor die Petersburger Straße 94 zu bekommen, um gemeinsam gegen das bei Neonazis beliebte Modelabel Thor-Steinar zu demonstrieren.
Seither ist Friedrichshain in heller Aufregung. Am vergangenen Mittwoch lud die „Initiative gegen Rechts Friedrichshain“ alle Bürgerinnen und Bürger zum offenen Treffen in den Mieterladen in der Kreutzigerstraße, um gemeinsam über das weitere Vorgehen zu diskutieren.
Samstag: Demo GEGEN Thor-Steinar
Ergebnis sind verschiedene Veranstaltungen in den kommenden Wochen, die mit einer großen Demonstration am morgigen Samstag, den 07. März 2009 beginnen wird. Ab 14.00 Uhr wird es einen Protestzug von der Höhe Warschauer Straße Ecke Revaler Straße geben, der bis zum Thor-Steinar-Laden in der Petersburger Straße führen soll. Es wird mit einer regen Beteiligung gerechnet.
Tromsø nennt sich der kleine schier unscheinbare Laden, der die Protestwelle ausgelöst hat und dessen Namen von einer kleinen Stadt im Norden Norwegens abstammt. Der Laden verkauft Kleidung der Marke Thor-Steinar, die sich in erster Linie bei Rechtsextremen äußerster Beliebtheit erfreut. Das alte Logo von Thor-Steinar wurde vor einigen Jahren nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuches wegen Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verboten. Doch auch mit einem neuen Markenlogo ist Thor-Steinar weiterhin tief in der rechtsextremen Szene verwurzelt. Der Brandenburger Verfassungsschutz schreibt hierzu:
Der Verfassungsschutz über Thor-Steinar
Bekleidungsstücke von „Thor Steinar” bedienen in Farbgebung und Schriftzügen eine als völkisch verstandene Symbolik. Die gotischen Lettern werden von der Kundschaft mit dem NS-Regime in Verbindung gebracht. Inhaltlich nehmen die Schriftzüge Bezug auf vorchristlichen Germanen-Kult und eine glorifizierende Sicht der Wehrmacht.
[…]
Dieses Spiel mit mehr oder weniger verhohlenen Andeutungen an der Grenze zur Strafbarkeit ist charakteristisch für das Sortiment der Firma. Rechtsextremisten fühlen sich davon angesprochen. Sie bezeichnen die Firma in Internet-Diskussionsforen als „zur Bewegung gehörig”. Die Bekleidung werde „nicht ohne Grund getragen”.
(Quelle: verfassungsschutz.brandenburg.de )
Wer die volle Bedeutung der Friedrichshainer Auseinandersetzung mit den Rechtsextremen rund um Thor-Steinar verstehen möchte, der muss sich mit der Vergangenheit des Berliner Stadtteils etwas auseinandersetzen. Diese ist unter anderem geprägt von linken Protesten, Demonstrationen und Straßenschlachten.
Friedrichshain: Links-Alternative Geschichte
Der Berliner Stadtteil Friedrichshain (Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg) gilt als links-alternativ geprägtes Szenevirtel im Osten der deutschen Hauptstadt. Am 16. Juni 1953 waren es Bauarbeiter an der Stalinallee (später Karl-Marx –Allee, heute Frankfurter Allee) die mit Arbeitsniederlegungen einen Protestmarsch auslösten, der am darauffolgenden Tag derartige Ausmaße annahm, dass die Verantwortlichen aus Sowjetunion und DDR sich zur Ausrufung des Kriegsrechts veranlasst sahen und den Aufstand brutal und blutig niederschlugen. Der Volksaufstand des 17. Juni 1953 ist fester Bestandteil der Deutschen Geschichte.
Als einer der „massivsten Polizeieinsätzen Berlins in der Nachkriegszeit“ (Wikipedia) gilt die Räumung der Mainzer Straße am 14. November 1990. Nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes nutzen viele Anhänger der Berliner linken Szene den großen Leerstand in Friedrichshain und führten unzählige Hausbesetzungen durch. Ein Schwerpunkt lag hier in der Mainzer Straße. Abermals war es die Frankfurter Allee wo sich am 12. November der Widerstand gegen die Räumung der Besetzten Häuser in Form einer Demonstration formierte. In den folgenden Tagen uferte der Protest schnell in Straßenkämpfen zwischen Polizei und Besetzern aus. Unter dem Einsatz von Hubschrauber, Tränengas und Schusswaffen stürmten schließlich mehr als 4.000 Polizisten in der Nacht zum 14. November die Mainzer Straße, die von etwa 500 Autonomen mit Steinen und Molotowcocktails verteidigt wurde.
Naziverbechen im Keglerheim
Doch Friedrichshain war nicht erst seit Bestehen der DDR ein Brennpunkt der Linken. Bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren galt der Berliner Bezirk als „Hochburg der Sozialdemokraten und Kommunisten“. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, kam es insbesondere in Friedrichshain immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Truppen der SA. Als in Folge dessen das SA-Mitglied Horst Wessel getötet wurde, eskalierte die Lage: Die Faschisten rächten sich mit blutigen Übergriffen und Morden gegen die politischen Gegner. In den Jahren zwischen 1933 und 1945 trug der Bezirk den Namen Horst-Wessel-Stadt.
Zentrum dieser faschistischen Verbrechen gegen die politisch Andersdenkenden in Friedrichshain war zu jener Zeit das Lokal „Keglerheim“, wo Antifaschisten gefoltert, misshandelt und ermordet wurden. Der „Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V.“ schreibt in der 22. Ausgabe (2006) seiner Zeitschrift „mont Klamott“:
In Friedrichshain gab es sieben SA-Sturmlokale. Das zentrale SA-Lokal „Keglerheim“ in der Petersburger Straße Nr. 86 […] war eine besonders berüchtigte Stätte der Gewalt, ind er viele Fridrichshainer und Lichtenberger Arbeiterfunktionäre, RFB- und Reichsbannermänner misshandelt wurden. […] Seit dem 16. Dezember 1929 fanden immer montags Mitgliederversammlungen […] der NSDAP statt.
(Quelle: friedrichshainer-geschichtsverein.de)
Die Geschichte mit Füßen treten
Die Petersburger Straße Nr. 86 wurde später zur Bersarinstraße 94 und nach einer erneuten Umbenennung zur Petersburger Straße Nr. 94. Wer nun genau aufgepasst hat, bei dem wird es nun „Klick“ gemacht haben“. Genau, der besagte Tromsø-Laden, der die bei den Neonazis beliebte Marke Thor-Steinar verkauft befindet sich genau an jenem Ort, wo zu Zeiten der Nationalsozialisten Friedrichshainer Antifaschisten und Andersdenkende gefoltert und ermordet wurden. Das ist keine Ironie, das ein Affront an der Geschichte!
Es ist davon auszugehen, dass Thor-Steinar den Ort nicht ohne all das Hintergrundwissen ausgewählt hat. Hinzu kommt, dass in direkter Nachbarschaft viele von Immigranten geführte Läden, im angrenzenden Nebengebäude der Verband für interkulturelle Arbeit, das afrikanische Samariterwerk, eine afrikanisch-ökumenische Kirche, ein chilenischer Kulturverein sowie wenige Meter gegenüber mit der Rigaer Straße, eine weitere Hochburg der linken Hausbesetzerszene, angesidelt sind. Es kann als gezielte Provokation verstanden werden, dass ausgerechnet an diesem Ort, der Petersburger Straße 94, ein Thor-Steinar-Laden eröffnet wurde. Das Gefahrenpotential durch die durch den Laden angelockten gewaltbereiten Rechtsextremisten scheint unkalkulierbar!
Petersburger Straße unter Hochbewachung
Ein bizarres Bild spielt sich aktuell in der Petersburger Straße ab. Das Teilstück zwischen Bersarinplatz und Frankfurter Allee wird von drei Mannschaftsbussen der Polizei flankiert. Darin und auf der Straße etliche Polizisten. Am Nachbargebäude des Thor-Steinar-Ladens haben die BewohnerInnen große Transparente angebracht, auf denen sie ihren Unmut gegen den Kleiderladen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zum Ausdruck bringen. Die Fensterfront des Tromsø ist zerstört, weil vor wenigen Tagen erste Steine gegen das Gebäude geworfen wurden. Um das Gebäude herum verteilt liegen bereits rot-weiße Absperrgitter für die morgige Demonstration.
Die Immobilie Petersburger Straße 94 gehört übrigens nach Recherchen der Berliner Zeitung der SF-Immobilienfonds-Gruppe. Deren Rechtsanwalt teilte mit, dass den Eigentümern im Vorfeld nicht bekannt gewesen sei, dass der Mieter beabsichtige Thor-Steinar-Klamotten zu verkaufen. Man sei „bestürzt“ und werde „alle rechtlichen Maßnahmen ausschöpfen um den Verkauf von Thor-Steinar-Kleidung in dem Objekt zu unterbinden“ (Quelle: Berliner Zeitung 05. März 2009).
Auseinandersetzung mit Thor-Steinar
Wer sich näher mit der Marke Thor-Steinar und deren Verwurzelung in der rechtsextremen Szene auseinandersetzen möchte, dem sei das Dokument „Investigate Thor Steinar – Die kritische Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Marke“ empfohlen, die von der Recherchegruppe Investigate Thor Steinar herausgegeben wurde [PDF].
Weitere Informationen über die Auseinandersetzung rund um den Thor-Steinar-Laden in Berlin-Friedrichshain werden in den kommenden Tagen auf Bluejax.net sowie auf Twitter.com/PorNoKratie veröffentlicht!
bluejax
Berlin, den 06. März 2009
Quellen und Links:
http://www.antifa-fh.de.vu/
http://maps.google.de/maps?source=ig&hl=de&rlz=&q=Petersburger+Stra%C3%9Fe+94,+berlin&lr=&um=1&ie=UTF-
8&split=0&gl=de&ei=WiSxSbm2EZqY0AWUs5GYAQ&sa=X&oi=geocode_result&resnum=1&ct=title
http://gegenrechts.wordpress.com/
http://www.ubi-mieterladen.de/
http://de.indymedia.org/2009/03/243184.shtml
http://de.wikipedia.org/wiki/Tromso
http://de.wikipedia.org/wiki/Thor_Steinar
http://www.verfassungsschutz.brandenburg.de/cms/detail.php/bb2.c.423435.de
http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Friedrichshain
http://de.wikipedia.org/wiki/17._Juni_1953
http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A4umung_der_Mainzer_Stra%C3%9Fe
http://de.wikipedia.org/wiki/Mainzer_Stra%C3%9Fe_(Berlin-Friedrichshain)
http://www.friedrichshainer-geschichtsverein.de/montklamott.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Rigaer_Stra%C3%9Fe
http://investigatethorsteinar.blogsport.de/
http://investigatethorsteinar.blogsport.de/images/investigate_thor_steinar_2_web.pdf
http://www.bluejax.net/
http://twitter.com/pornokratie
http://search.twitter.com/search?q=ts-fhain
bluejax is
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[...] Ich selber hatte noch nie irgendwelche Vorbehalte gegenüber Ostdeutschland. Das liegt wohl auch darin begründet, dass ich als Kind noch vor dem Mauerfall fast jedes Jahr für mehrere Wochen in der damaligen DDR auf Besuch war. Die Eltern, Geschwister und deren Anhang meines Großvaters leben und lebten in der Nähe von Dresden. Für uns Kinder war das immer ein riesen großes Abenteuer, das schon an der Grenze mit dem totalen Auseinandernehmen unseres Autos begann. Den Westteil von Berlin habe ich erst 1990, nach dem Fall der Mauer kennengelernt, in den 1980ern war ich als Westdeutscher ausschließlich in Ostberlin zugegen (wo ich übrigens heute auch in Berlin-Friedrichshain lebe). [...]