Solidarität mit dem Besetzten Haus in Erfurt – Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen
By bluejax • Jan 10th, 2009 • Category: Aktueller Artikel, GesellschaftVor wenigen Stunden erreichte mich ein wiederholter Hilferuf aus Erfurt: Den BesetzerInnen des Besetzten Hauses auf dem ehemaligen Topf- und Söhne-Gelände wurde von den Eigentümern eine letzte Frist gesetzt, das Gelände bis zum 21. Januar zu räumen. Anlass für diese Zuspitzung war ein Unterlassungsschreiben des Erfurter Bauamtes. Damit droht die Zerstörung eines wichtigen Ortes der Auseinandersetzung mit den Verbrechen von Nationalsozialismus und Rechtsextremismus!

Das Besetzte Haus in Erfurt ist nicht nur irgendein beliebiges Haus. Es handelt sich hierbei um ein Gelände, das eng verknüpft ist mit dem dunkelsten Kapitel der Deutschen Geschichte, dem Holocaust! Zu Zeiten des Nationalsozialismus war hier die Firma Topf & Söhne angesiedelt, welche unter anderem Öfen für die Krematorien von Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Buchenwald und Auschwitz produzierte. Darüberhinaus stellte das Unternehmen auch Be- und Entlüftungsanlagen für die Gaskammern her. Alle Anlagen wurden von hauseigenen Ingenieuren in den Lagern vor Ort installiert und repariert.
Ebenfalls auf dem Gelände angesiedelt war außerdem die Firma Linse, welche im Dritten Reich Aufzüge entwickelte und produzierte, die von den Nazis zum Transport der Leichen von den Gaskammern zu den Verbrennungsöfen eingesetzt wurden.
Der fast vergessene Täterort mitten in Erfurt
Es handelt sich bei dem Gelände des heutigen Besetzten Hauses auf dem „Täterort Topf & Söhne“ fürwahr um einen geschichtsträchtigen Ort, der tief verwickelt ist mit der Ermordung von über 6 Millionen Juden in den Zeiten des Nationalsozialismus.
Geschehnisse und Umstände, die viele Menschen nur allzugerne aus den eigenen Köpfen und jenen der Öffentlichkeit verbannen würden. So auch in Erfurt, wo das Wissen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während der Nazi-Verbrechen nach Kriegsende lange Zeit immer weiter verblasste. Nach der Wiedervereinigung war kaum noch jemanden in Erfurt bewusst, was auf dem Gelände der ehemaligen „Söhne & Topf“ Jahrzehnte zuvor von statten ging, die Erinnerungen wurden verdrängt.
“Topfgang – Ein Rundgang über das Topf und Söhne Gelände“ (2005, Filmpiraten/a>)
Besetztes Haus führt zu Aufarbeitung der Geschichte
Bis 2001: Denn am 12. April 2001 wurde ein Teil des Firmengeländes besetzt und anschließend für unterschiedlichste Projekte genutzt. Zentraler Bestandteil jedoch war eine aktive Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der Geschichte des Geländes. Fortan wurden Veranstaltungen organisiert, Vorträge und Workshops gehalten, Infostände sowie Rundgänge über das Gelände angeboten. Immer mit dem Ziel die Erfurter Bürgerinnen und Bürgern zu einer aktiven und bewussten Auseinandersetzung mit der Rolle von Topf & Söhne sowie überhaupt Erfurts während der NS-Zeit anzuregen und die Verbrechen jener Zeit zu begreifen. Insbesondere die Ausstellung „Techniker der Endlösung“ führte zu angeregten öffentlichen Diskussionen und der Bereitschaft sich mit der Vergangenheit Erfurts auseinanderzusetzen.
Wichtige Rolle im Kampf gegen Rechts
Aber auch die aktuelle antifaschistische Arbeit in Erfurt wurde in den vergangenen Jahren zu einem großen Teil vom Besetzten Hauses aus organisiert. Diverse Kampagnen gegen Rassismus und Rechtsextremismus hatten hier ihren Ursprung. Bei Nazigegendemos fanden AntifaschistInnen von auswärts Unterschlupf in den Räumlichkeiten.
Auch die offene kulturelle Arbeit spielt in dem „Projekt“ des Besetzten Hauses in Erfurt eine wichtige Rolle. Man bietet einen alternativen und offenen Veranstaltungsort für vielfältige politische und kulturellen Veranstaltungen, Projekte und Kampagnen, bis hin zu Partys und Konzerten. Bandproberäume, eine Lesecafé, Wohnräume und künstlerische Aktivitäten runden das Angebot ab.
Erfurt GEGEN GEGEN Rechts?!
Es könnte also alles schön und gut sein, hätte die Stadt Erfurt vor einigen Jahren nicht den Verkauf des Geländes vorangetrieben. Zwar betonte man immer, einen Teil des Geländes in ein Bildungs- und Dokumentationszentrum umzuwandeln und so den Forderungen des “Förderkreises Geschichtsort Topf & Söhne” nach einem authentischen Geschichtsort nachkommen, befürwortete allerdings gleichzeitig einen Abriss des größten Teiles. Die Umwandlung des Geländes in ein Wohn- und Gewerbegebiet war schließlich der Anfang vom Ende.
Anfang 2007 wurde das Gelände an die Domicil Hausbau GmbH & Co KG aus Mühlhausen verkauft. Schnell begann der neue Eigentümer Pläne auszuarbeiten, die eine Räumung sowie den Abriss des Besetzten Hauses vorsahen, um auf dem Gelände Gewerbe- und Wohnräume zu schaffen. Am 23. Dezember 2008 erging ein Schreiben des Erfurter Bauamtes an Domicil, in welchem die Nutzung von Gebäuden oder Freiflächen zum Zwecke der Durchführung von Veranstaltungen aller Art mit sofortiger Wirkung untersagt wurde.
Eine kürzlich noch in Aussicht gestellte politische Klärung bzw. Einigung wird durch den jetzigen Räumungsbescheid der Domicil GmbH zunichte gemacht. Das Besetzte Hauses auf dem ehemaligen Gelände der Firma Topf & Söhne soll nun bis zum 21. Januar geräumt werden. Damit verliert Erfurt eine wichtige Begegnungsstätte, einen alternativen kulturellen Veranstaltungsort und ein Zentrum für die Auseinandersetzung und Aufklärung der NS-Verbrechen sowie des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rassismus und Rechtsextremismus.
Solidarität mit dem Besetzten Haus Erfurt
Ich solidarisiere mich hiermit mit den Besatzerinnen und Besatzern des Besetzten Hauses in Erfurt und rufe zu einer aktiven Auseinandersetzung und Weiterverbreitung dieses Themas auf! Ich habe selber zwischen 2004 und 2006 fast zweieinhalb Jahre in Erfurt gelebt und zu jener Zeit die Wichtigkeit des Besetzten Hauses für die Erfurter Zivilgesellschaft kennen gelernt!
Am 24. Januar wird eine Demonstration für den Erhalt des Besetzten Hauses durch die Erfurter Innenstadt führen!
StreetLightsTV unterstützt Besetztes Haus Erfurt!!!
Übrigens entstand die erste Folge von StreetLightsTV, der Doku-Serie über Straßenkulturen in Deutschland, in der wir uns mit Graffiti in Erfurt auseinandergesetzt haben, auf den Dächern des Besetzten Hauses!
Täterort Topf & Söhne
Virtueller Rundgang über das Firmengelände
Topf & Söhne „Produkti... deutschen Vernichtungswahn“
Ausstellung: Topf & Söhne – Techniker der Endlösung
Website des “Förderkreis Topf & Söhne” (u.a. mit „J.A. Topf & Söhne – eine kurze Geschichte des Krematorienbauers von Auschwitz“)
Informationen zum Verkauf
Presseerklärung / 09.01.2009 ..._innen wird Ultimatum gestellt
Aufruf zur Demo “Hände ...Besetzten Haus Erfurt!” (10.10.2008)
Flyer zum Erhalt des besetzten Hauses (18.9.2008)
Redebeitrag auf der Kundgebung...msetzen – jetzt!”
Redebeitrag auf der Kundgebung “Wir bleiben alle” (6.1.2007)
Flyer zum voraussichtlichen Ve...s Topf & Söhne-Geländes (13.12.2006)
Flyer zum voraussichtlichen Ve...s Topf & Söhne-Geländes (5.12.2006)
Offener Brief an den Erfurter ...s Topf & Söhne Geländes (10.11.2005)
Informationen zum Widerstand
Offizielle Homepage Besetztes Haus Erfurt (Topf-Squat)
Hände Weg – Kampagne zum Erhalt des Besetzten Haus Erfurt
Graffiti Loves Topf Squat
Wir bleiben Alle!
Antifa-Support-Topf-Squat in Erfurt
bluejax
Berlin, den 10. Januar 2009
Quellen und Links:
http://topf.squat.net/
http://topf.squat.net/texte/pressemitteilungen/pe_09_01_09.html
http://filmpiraten.blogsome.com/2006/11/20/topfgang-ein-rundgang-uber-das-topf-und-sohne-gelande/
http://www.topfundsoehne.de/
http://topf.squat.net/texte/textedeshauses/2007_07_18.html
http://www.topf-holocaust.de/
http://graffitilovestopfsquat.blogsport.de/2009/01/09/raeumung-verhindern-demo-am-2401/
http://haendeweg.blogsport.de/2009/01/10/erfurt-ultimatum-an-besetztes-haus-gestellt/
http://www.streetlightstv.de/tv/
http://www.streetlightstv.de/tv/folge-1-erfurt-graffiti/
http://www.bluejax.net/2007/12/03/folge-erfurt-dreh-auf-windigen-dachern-%e2%80%93-vermummte-graffiti-maler-zwischen-kunst-und-gesellschafts-kritik/
http://www.topf-rundgang.de/
http://topf.squat.net/topf/topf2.html
http://topf.squat.net/texte/textedeshauses/2008_11_22_aufruf.html
http://topf.squat.net/texte/textedeshauses/2008_09_18.html
http://topf.squat.net/texte/textedeshauses/2007_01_06.html
http://topf.squat.net/texte/textedeshauses/2006_12_13_flyer.html
http://topf.squat.net/texte/textedeshauses/2006_12_05.html
http://topf.squat.net/texte/textedeshauses/2005_11_10.html
http://haendeweg.blogsport.de/
http://graffitilovestopfsquat.blogsport.de/
http://wirbleibenalle.blogsport.de/
http://www.antifa-support-topfsquat.de.vu/
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Wie kann man denn so ein bescheuertes Video machen, wenn man um die Gunst der breiten Erfurter Öffentlichkeit kämpft. “Kreativ verteidigen” ist ja nett, aber Feuerwerkskörper auf die Polizei schießen wird genau das Gegenteil erreichen.
Mit sowas kann ich mich leider nicht solidarisieren!
Das Video ist meiner Meinung nach mit einem stark zwinkernden Auge zu betrachten. Ich meine “Hallo”, die Serie “A-Team” selbst strotzt vor überzeichneten Charakteren und Sarkasmus auf die US-amerikanische Kultur. Vier von der Militärpolizei verfolgte (und nie wirklich geschnappte) Veteranen, die anderen Menschen helfen, die von Kriminellen bedrängt werden und von der Ordnungskraft im Stich gelassen wurden. Man könnte darin auch eine moderne Interpretation von Robin Hood sehen.
Lässt man sich diese Sicht des “A-Team” durch den Kopf gehen, kann man durchaus Parallelen zu den Leuten vom Besetzten Haus ziehen. Außerdem heißt es ja das “Besetztes Haus KREATIV verteidigen”, in diesem Sinne finde ich das angesprochene, von Selbstironie geprägte, Video nicht ganz misslungen…
Natürlich heißt das alles NICHT, dass ich Gewalt, insbesondere gegen die Polizei, befürworte. Ganz im Gegenteil. Aber mit dem Aufruf zur “Kreativen Verteidigung” ist man ja auch schon mal auf einem guten Weg (erinnere mich gerade an die Clowns von Heiligendamm)! Übrigens hab ich keine Folge vom “A-Team” gesehen, in der jemand gestorben ist…
Im deutschen Intro der Serie heißt es übrigens: “„Sie wollen nicht so ganz ernst genommen werden, aber ihre Gegner müssen sie ernstnehmen.“
Naja, aber letztendlich gehts um die Frage, wie das Video beim Betrachter ankommt. Wird die Ironie nicht erkannt oder falsch interpretiert spricht das vielleicht nicht für die Rezeptionsfähigkeit des Betrachters (wie in meinem Fall), das Kommunikationsproblem bleibt bestehen.
Ob hier der schmale Grad der Ironie zweckmäßig ist wage ich zu bezweifeln angesichts dessen, dass die Damen und Herren der linken Fraktion durchaus von der Öffentlichkeit als gewaltbereit wahrgenommen werden (ich sage “wahrgenommen”, nicht “sind”). Letztere Aussage ist nicht von empirischer Evidenz, sondern anekdotischer; beruft sich also auf die Rezpetionsfähigkeit des Betrachters (ich in diesem Fall).
Ich hoffe sehr, dass das “besetzte Haus” in Erfurt fortbesteht. Ich habe die Menschen dort erlebt, für mich ist das urbane Subkultur, die leider vom Aussterben bedroht ist. Ich sag nur TACHELES, Herr Rechlitz!
@PorNoKratie hab auch nicht von Gewaltverherrlichung gesprochen, nur von einer zweifelhaften Message. My comment: http://tinyurl.com/a2w2nb
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