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Eine Frage von Image & Service: Die Tabuisierung der öffentlichen Toilettenbenutzung

By bluejax • Aug 18th, 2008 • Category: Aktueller Artikel, Gesellschaft

Für Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) oder Werbung geben Unternehmen jährlich Unsummen aus. Zum einen um damit auf die angebotenen Produkte und Dienstleistungen aufmerksam zu machen. Aber auch, um ein Image aufzubauen, dass sich bei (potentiellen) Kunden festsetzen soll. Dabei könnte dieser positive Gesamteindruck manchmal viel einfacher und kostengünstiger erreicht werden. Beispielsweise mit einer freien Toilettenbenutzung!

Gerade in der heutigen Zeit, wo es für einzelne Produkte oder Dienstleistungen oftmals eine Vielzahl von Anbietern gibt, spielt das Erzeugen einer positiven Einstellung dazu eine zunehmend wichtigere Rolle. Einen kleinen Eindruck davon, wie das Geschäft mit dem Image läuft, beschreibt Naomi Klein in ihrem Bestseller „No Logo“. Aber nicht nur die Marke mit dem „Swoosh“ ist darauf angewiesen, bei potentiellen Kunden positive Gefühle mit den angebotenen Produkten hervorzurufen. Das ganze Spiel fängt schon vor unserer Haustür an.

Eine Selbstverständliche Serviceleistung?!

Gerade Bars, Kneipen oder Gaststätten sind darauf angewiesen, bei ihren Kunden positive Emotionen anzusprechen. Dazu gehört nicht nur eine individuelle Speise-/Getränkekarte oder gutes Essen/Trinken, sondern auch das Schaffen einer angenehmen Umgebung, in der sich die Gäste wohlfühlen. Und gerade in einer Branche, in der die Nahrungsaufnahme das Geschäftsmodell darstellt, dürfen auch die biologischen Folgen des Konsums nicht außer Acht gelassen werden.

Umso mehr verwundert es, dass immer mehr der (subjektive) Eindruck entsteht, dass man die Toilettenbenutzung der Gäste nicht Allzugerne sieht. Paradebeispiel ist die Fastfood-Kette mit dem großen „M“ im Namen. Dort warten im Toilettenbereich jene Damen und Herren an einem Tisch, die sich um die Sauberkeit der Anlage kümmern.

Das schlechte Gewissen beim Natürlichen

Keine Frage, die Gäste haben diesen Menschen viel zu verdanken. Dennoch darf die Frage aufgeworfen werden, ob diese Dankbarkeit so weit gehen muss, dass man ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man – nachdem man Geld für Getränke ausgegeben hat – die Toilette aufsucht, aber den Geldbeutel im Rucksack am Tisch liegen gelassen hat!

Sollte es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, dass der Gast – immerhin ein zahlender Kunde – auch die Toilette kostenlos in Anspruch nehmen darf – immerhin die Konsequenz des zuvor getätigten „Geschäfts“ – ohne hier zu weiteren Zahlungen gedrängt zu werden oder aber ein schlechtes Gewissen haben zu müssen?! Ist es gerechtfertigt, vorwurfsvolle Blicke zu ernten oder sich gar anpappen lassen zu müssen, weil man bargeldlos auf die Toilette gegangen ist?!

Negative Assoziationen als Konsequenz

Es darf spekuliert werden, ob durch solche Vorgehensweisen nicht doch eine negative Stimmung beim Kunden erzeugt wird, die der (sehr teuren) Werbeintention entgegenläuft. Zahlt der Gaststättenbetreiber seinen Reinigungskräften etwa so wenig Geld, dass diese sich das ihnen zustehende Gehalt am Toiletteneingang erbetteln müssen? Dieser Eindruck muss sich zwangsläufig aufdrängen. Dann jedoch stellt sich die Frage, ob die Kunden beim „richtigen“ Anbieter für Milliarden-(!!!)Gewinne sorgen.

Nicht anders ist es bei vielen Bars, Cafés und Kneipen zu beobachten. Vielerorts wurde der Willkommensgruß am Eingang durch eine Hinweistafel ersetzt, dass die Toilettenbenutzung für nicht zahlende Gäste kostenpflichtig sei. Es darf bezweifelt werden, ob solche Schilder dazu führen, dass sich der Kunde sofort geborgen und willkommen fühlt. Bei mir jedenfalls drängt sich sofort die Frage auf, ob dem Betreiber mehr an betriebswirtschaftlichen Ergebnissen, als an menschlichen Kontakten gelegen ist – was, auch wenn es in erster Linie tatsächlich darum geht, nicht dazu führt, dass ich mich wirklich aufgehoben fühle.

Image ist alles?!

Der Gedanke, dass man aber auch potentielle Kunden durch solche Schilder oder gar das Untersagen der Toilettenbenutzung für Nicht-Gäste vergraulen kann, scheint vielen Betreibern noch nicht in den Sinn gekommen zu sein. Negativbeispiel hierfür ist eine Bar auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz. Auf meine Frage, ob ich bitte die Toilette benutzen dürfte, entgegnete der diensthabende Kellner schroff: „Ich geh doch auch nicht bei dir daheim Scheißen“! Soviel zum Thema Image und positive Einstellung bei (potentiellen) Kunden. Das Erzeugen von positiven Emotionen sieht wahrlich anders aus. Immerhin weiß ich nun, in welcher Bar ich niemals mein Geld ausgeben werde!

Als Vorbild kann hier den Deutschen die japanische Gesellschaft dienen. Dort sind öffentlich zugängliche Toiletten keine Frage des Geldes. Ganz im Gegenteil, in Japan werben Supermärkte, Gaststätten oder auch Buchläden nicht selten schon am Eingang oder im Schaufenster mit dem Hinweis auf ihre (teilweise luxuriösen) Toiletten. Da dürfen sich die deutschen Geschäftsmacher durchaus eine Scheibe von abschneiden. Vielleicht verlieren sie damit auch irgendwann einmal ihr Image als „Servicewüste Deutschland“…

bluejax
Ilmenau, den 18. August 2008

Quellen und Links:
http://www.pepe.bluejax.net/2008/08/08/tweet-klo-verbot-in-erfurt/

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One Response »

  1. Ich kann mir vorstellen, wie dich das ärgert. Beim nächsten Mal würde ich da gar nicht nachfragen, sondern einfach so auf Klo gehen.
    In der Schweiz z.B. gibt es vielerorts auch kostenlose öffentliche Toiletten (ähnlich wie auf deutschen Autobahnen) – diese sind oft aber auch nicht die saubersten. Manchmal gibt es neben den kostenlosen Klos besonders saubere Luxusklos, wo man extra bezahlen muss… Dort hat man also wenigstens die Wahl. Typisch Schweiz halt ;-)
    In Deutschland ist nur der Autofahrer König…

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