„Die Welt“ als Fahne im Wind – Ein schwarz-weißes Haus mit Kevin & Co
By bluejax • Apr 16th, 2008 • Category: Aktueller Artikel, Medien Manchmal kann ein einziges Ereignis alles vorangegangene Aufheben. Ein guter Tag und zehn schlechte sind vergessen. Oder um es auf den Fußball zu übertragen, um den es hier im Folgenden geht: Ein zugegeben verdammt gutes Spiel eines deutschen Nationalspielers reicht aus, um ihn aus dem Exil der Verbannung in den EM-Kader zu heben. Zumindest, wenn es nach Welt-Online geht!
In der vergangenen Woche spielte der FC Schalke 04 im Camp Nou beim großen FC Barcelona. Die Königsblauen erwischten keinen glücklichen Tag, obwohl sie gegen den mehrmaligen spanischen Meister und Champions-League-Sieger durchaus gut mithalten konnten, verloren sie 1:0 gegen das Starensemble aus Katalonien.

Vernichtender Welt-Kommentar
Jörg Rössner von Welt.de veröffentlichte am darauffolgenden 10. April dann einen Kommentar mit der Überschrift „Diesen Kuranyi brauchen wir nicht bei der EM“, in welchem es gleich im Teaser heißt:
Die Niederlage des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 beim FC Barcelona verdeutlichte einmal mehr, warum Stürmer Kevin Kuranyi nichts im deutschen Kader für die Europameisterschaft verloren hat. Seine derzeitige Ladehemmung ist dabei nur einer von mindestens drei Gründen.
Es folgt im Artikel die Erkenntnis, dass
der Bundestrainer seine Festlegung noch einmal überdenken sollte.
Denn Kuranyi zählt zu der Sorte Stürmern, die entweder Tore erzielen – oder kaum zu gebrauchen sind. Wie einst Jürgen Klinsmann in seinen schlimmsten Zeiten, springen ihm die Bälle bei einfachsten Zuspielen vom Fuß, Pässe über wenige Meter erreichen den Mitspieler nicht. Außerdem, und das ist für einen Angreifer am schlimmsten: Er nutzt beste Chancen nicht. Und das schon seit Wochen nicht mehr.
Kritik über das wesentliche hinaus
Anschließend geht Autor Rössner sogar weg vom fußballerischen und beschwert sich darüber hinaus auch über das Auftreten des Schalker Nationalspielers:
Seine Ladehemmung, gepaart mit den zahlreichen technischen Stockfehlern, ist nur ein Grund, warum der 26-jährige Stürmer auch von den eigenen Fans ausgepfiffen wird. Kuranyi steht, das zeigte sich auch in Nou Camp einmal mehr, unter dem Dauerverdacht, zu viel Wert auf sein Äußeres zu legen anstatt an seinen spielerischen Defiziten zu arbeiten. Egal, wie das Spiel läuft – die perfekt gestylte und gegelte Frisur sowie der sorgfältig gestutzte Bart sitzen immer perfekt. Hinzu lamentiert er permanent, anstatt sich auf sein eigenes Spiel zu konzentrieren.
Ergebnis 1: Nicht tauglich!
Nachdem als weiterer Grund die „mangelnde Teamfähigkeit“ angebracht wurde, kommt Jörg Rössner schließlich zu der Erkenntnis, Kevin Kuranyi aus dem Kader für die EM in Österreich und der Schweiz zu nehmen:
täte Joachim Löw gut daran, lieber einen anderen Spielertyp zu nominieren, der den Kader ergänzt. Für Kuranyi, der bereits vor der WM von Jürgen Klinsmann kurzfristig und überraschend aus dem Kader gestrichen wurde, wäre es eine bittere Erfahrung, wenn Geschichte sich wiederholt. Für den deutschen Fußball wäre es die einzig richtige Entscheidung.
Neue Woche, neues Spiel, neue Meinung
So weit, so gut. Man mag sich nichts weiter bei der Sache denken. Ein Fußballspieler, der das Tor nicht trifft und ein Journalist, der dies kritisiert und den Spieler für nicht EM-tauglich befindet. Interessant wird die ganze Sache allerdings, wenn man heute auf Welt.de geht und den Kommentar „Diesen Kuranyi wollen wir bei der EM sehen“, diesmal von Till Schwertfeger, anschaut. Der als Replik angekündigte Artikel liest sich gleich im Teaser völlig konträr zum vorherigen:
Kevin Kuranyi, derzeit umstrittenster deutscher Fußballspieler, ist besser als sein Ruf. Mit seinen vier Toren beim 5:0-Sieg des FC Schalke 04 gegen Energie Cottbus hat der Angreifer bewiesen, dass er aus allen Lagen treffen kann.
Der Artikel selber beginnt gleich mit einem Zitat des ehemaligen Schalke-Trainers Ralf Rangnik, der heutzutage die aufstrebende TSG Hoffenheim betreut: „Kevin ist der mit Abstand beste deutsche Stürmer, wenn der Gegner im Ballbesitz ist.“
Knackpunkt „Kev“
Es folgen Absätze über die vergangenen Wochen und Monate, in denen Kevin Kuranyi wegen allerlei Dingen kritisiert wurde, wie sie im vorangegangenen Kommentar bereits dargelegt wurden. Schließlich folgt jedoch die Erkenntnis, dass dies alles nicht am Spieler selbst, sondern am Zusammenspiel der gesamten Schalker Mannschaft liege:
Das kann allerdings in einer Mannschaft funktionieren, die keinen Rumpel-, sondern Kombinationsfußball spielt. Als Sturmspitze hatte Kuranyi in der bleiernen Rückrunde der Schalker einen ganz schweren Stand. Sein intensives Spiel blieb häufig ohne Ertrag, weil gute Vorlagen Mangelware waren.
Ergebnis 2: tauglich!
Anders als im Kommentar von Rössner, in dem es im Schlussabschnitt heißt, Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw täte gut daran, Kuranyi aus dem deutschen Kader für die EM zu streichen, schließt Schwertfeger in dem neueren Artikel mit einem anderen Fazit:
Doch auch so kann sich Kuranyi an Toren messen lassen: Mit 14 Treffern ist er in dieser Bundesliga-Saison hinter Mario Gomez zweitbester deutscher Schütze. Das qualifiziert ihn auf jeden Fall für die EM-Teilnahme.
Bundestrainer Joachim Löw weiß, dass er sich auf Kuranyi, der in 46 Länderspielen 19 Tore erzielte, verlassen kann. Als er den vor der WM 2006 ausgebooteten Schalker vor einem Jahr erstmals wieder in den Kader berief, traf Kuranyi auf Anhieb.
Freund oder Feind – Schwarz oder Weiß
Gut, es geht hier lediglich um Fußball, ein Spiel und nicht um irgendein politisch oder gesellschaftlich herausragendes Thema. Dennoch ist diese Wankelmütigkeit, wie sie die beiden vorgestellten Artikel beschreiben, exemplarisch für Welt.de. In der einen Woche ist die Welt schwarz und in der darauffolgenden Woche wieder weiß. Ein objektives Grau zwischen den beiden Extremen gibt es nur recht selten.
Allerdings könnte man auf der anderen Seite die Online-Redaktion der Welt auch dafür loben, dass ihre Journalisten unterschiedliche Meinungen vertreten und diese auch an die Öffentlichkeit herantragen dürfen. Dass „falsche“ Aussagen zurückgenommen werden. „Könnte“! Wenn dabei nur der fade Beigeschmack nicht wäre, dass die Stimmung, wie sie die Publikation nach außen hin vertritt, festgemacht an einzelnen Ereignissen, von Woche zu Woche variiert, je nachdem, ob gerade schwarz oder weiß angesagt ist.
Die Schlusserkenntnis
So aber bleibt der Eindruck haften, dass Welt-Online mehr einem Fähnchen im Winde gleicht, das seine Meinung je nach aktueller Stimmungslage anpasst und sich, auf einzelnen Ereignissen beruhend, für schwarz oder weiß entscheidet, anstatt ein objektives Gesamtbild zu zeichnen. Das aufgeführte Fußball-Beispiel um den deutschen Stürmer Kevin Kuranyi ist dabei nur beispielhaft. Doch das „weltliche Fahnenmeer“ ist größer und greift auch auf andere Ressorts über. Man schaue sich etwa nur einmal die Welt-Berichterstattung über den US-Wahlkampf in den vergangenen Monaten einmal etwas genauer an. Wie gesagt, auch beispielhaft wankelmütig. Schade!
bluejax
Ilm, den 16. April 2008
Quellen und Links:
http://www.welt.de
http://www.welt.de/sport/article1887840/Diesen_Kuranyi_brauchen_wir_nicht_bei_der_EM.html
http://www.welt.de/sport/article1907520/Diesen_Kuranyi_wollen_wir_bei_der_EM_sehen.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Replik_%28Recht%29
http://www.pepe.bluejax.net/2008/02/23/diskussion-rot-grun-rot-hessen/
http://www.bluejax.net/tag/die-welt/
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