Heute schon gespint? „Die Welt“ will Hillary Clinton!
By bluejax • Jan 30th, 2008 • Category: Aktueller Artikel, Medien Dass man bei Welt.de nicht viel von Barack Obama hält, haben wir vor einigen Wochen schon einmal festgestellt, als mehrmals täglich Artikel veröffentlicht wurden, in denen sich der Eindruck aufzwängte, dass es Welt-Online lediglich um Obama-Bashing ginge. Spätestens heute nun wissen wir auch wieso: „Die Welt“ hat sich auf die Seite der Konkurrentin geschlagen, sie kämpft für Hillary Clinton!
Demokraten versus Republikaner
Heute Titelt Welt.de in einem Kommentar „Clinton gegen McCain – Auf in den Kampf!“. In dem Artikel von Torsten Krauel, der heute Vormittag um 10.30 Uhr veröffentlicht wurde, werden die Ergebnisse der Vorwahlen im US-Bundestaat zusammengefasst und bewertet. Neben dem Ausgang der Wahl bei der Republikanischen Partei, bei der sich John McCain gegen Mitt Romney knapp durchsetzte und damit Rudy Giuliani wohl aus dem Rennen geschmissen hat, geht es jedoch auch um die Demokraten.
Bereits im Teaser zum Artikel heißt es:
Die Vorwahlen in Florida sind eine Vorentscheidung für die Präsidentenwahl im November. Die Demokratin Hillary Clinton und der Republikaner John McCain werden in den Kampf für das mächtigste Amt der Welt ziehen.
Ein „Schönheitssieg
Es folgen weitere Passagen im Text, in denen Torsten Krauel Hillary Clintons (vermeintlichen) Sieg im Sonnenstaat Florida feiert und sie aufgrund dessen zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten emporhebt:
Hillary Clinton ist die strahlende Siegerin der Demokraten bei den US-Vorwahlen in Florida und lässt ihre Konkurrenten weit hinter sich.
[…]
Zur Präsidentenwahl 2008 werden antreten: Hillary Clinton gegen John McCain. Das lässt sich nach der Urwahl von Florida mit einer erheblichen Gewissheit sagen.
[…]
Aber der Trend wird allmählich deutlich genug. Auch die Demokraten fiebern der Benennung ihres offiziellen Kandidaten entgegen. Die Macht der Gefühle spricht für Clinton.
Wie man Helden macht
Doch Hillary Clinton ist für den Autor Torsten Krauel nicht nur die Gewinnerin der Demokratischen Kandidatenwahl. Es folgen wahre Lobeshymnen:
Auf in den Kampf! Hillary Clinton gegen John McCain. Zwei Senatoren, die sich kennen und schätzen, und deshalb genau wissen, welche harten Gegner sie füreinander sind. Zwei, die im Leben ganz unten waren und sich wieder nach oben gekämpft haben.
[…]
John McCain („Mac is back!“) gegen Hillary Clintons (“Wir schreiben Geschichte!”): Zwei amerikanische Märchen werden Wirklichkeit. Der einsame High-Noon-Held gegen die Heldin der modernen Alltagswelt. Welch eine Wahl.
Kommentar versus Artikel
Bei dem angesprochenen Artikel handelt es sich um einen Kommentar. Und als solcher ist es völlig legitim, zu aktuellen Entwicklungen Stellungen zu nehmen und diese subjektiv zu bewerten. Es handelt sich um einen Meinungsbeitrag eines Autoren, der die Leser anregen soll, sich eine eigene Meinung zu einem Thema zu bilden (vgl. Wikipedia).
Schauen wir in das Archiv von Welt.de, dann finden wir von 02.23 Uhr heute früh auch einen „richtigen“ Artikel von Torsten Krauel, der ja auch den besprochenen Kommentar verfasst hat. Der Artikel firmiert unter der Überschrift „US-Vorwahlen – Clinton und McCain gewinnen in Florida“ und beschäftigt sich ebenso wie der Kommentar mit den Ergebnissen der Vorwahlen in Florida.
Im Teaser heißt es:
Bei den Demokraten schlägt Hillary Clinton ihren Kontrahenten Barack Obama überzeugend.
Im Artikel selber schreibt Torsten Krauel dann:
Hillary Clinton ist die strahlende Siegerin der Demokraten bei den US-Vorwahlen in Florida und lässt ihre Konkurrenten weit hinter sich.
[…]
Rudy Giuliani und Barack Obama haben die Urwahl im ersten großen Flächenstaat der USA verloren. Bei den Demokraten siegte Hillary mit Stand von 99 Prozent der ausgezählten Stimmen klar mit 50 zu 33 Prozent vor ihrem Rivalen Barack Obama.
Die Kritik
Soweit, so gut, klingt alles plausibel. Hillary Clinton gewinnt die Vorwahlen in Florida und aufgrund der dort gesammelten Unterstützung hat sie einen riesen großen Schritt auf ihrem Weg zur Demokratischen Präsidentschaftsbewerberin gemacht. Klingt alles logisch. Wenn es eine offizielle Wahl der Demokratischen Partei in Florida denn überhaupt gegeben hätte!
SpiegelOnline widmet sich demselben Thema und schreibt in dem Artikel „Republikaner in Florida –... kämpft, Giuliani kapituliert“:
Bei den Demokraten wurde gestern übrigens auch gewählt. Zumindest pro forma. Die Partei hatte Floridas Primary zwar vorab für irrelevant erklärt, indem sie sich weigerte, dessen Delegierten beim Nominierungsparteitag im August zuzulassen – als Strafe dafür, dass Florida seinen Vorwahltermin eigenmächtig vorverlegt hatte. Woraufhin es zu einer typisch floridianischen Groteske kam: Es gab hier keinen Wahlkampf, aber trotzdem eine Wahl.
Der Umstand, dass es eine offiziell von der Demokratischen Partei anerkannte Wahl in Florida gar nicht gibt, ist sehr interessant. Denn damit kann Florida keine Delegierten zum Parteitag der Demokraten senden, die ihre Stimme für einen der Bewerber abgeben und so die Wahl des Präsidentschaftskandidaten (direkt) beeinflussen können.
Verzerrte Darstellung
Auf diese Angelegenheit geht der WeltOnline-Journalist Torsten Krauel in seinem Kommentar allerdings gar nicht ein. Dort wird der Eindruck vermittelt, dass Hillary Clinton eine offizielle Wahl gewonnen hätte, die ihr weitere Stimmen eingebracht habe und somit wahrscheinlicher zur Kandidatin gekürt werde, als vor der Wahl. Immerhin, in seinem zuvor erschienenen Artikel weist Krauel auf diesen Umstand hin:
Für Clinton war es deshalb eher ein moralischer Sieg, denn sie bekommt dafür keine Delegiertenstimmen. Die Parteiführung strich Florida alle 185 Stimmen, weil sich die dortige Demokratische Partei über die Anordnung hinweggesetzt hatte, die Vorwahl frühestens am 5. Februar anzusetzen. Daraufhin verpflichteten sich alle demokratischen Bewerber, in Florida auf jeglichen Wahlkampf zu verzichten.
So, nun frage ich mich natürlich, wie es trotzdem sein kann, dass sich Hillary Clinton – laut Welt.de – allein durch die Wahl in Florida auf einmal als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten durchgesetzt haben soll. Wie kann die Welt.de Redaktion die Wahlen der Demokraten sowie der Republikaner in Florida im Titel und Teaser dieses Artikels auf dieselbe Stufe stellt, ohne geichzeitig auf den Unterschied hinzuweisen, dass die Wahl bei den Republikanern durchaus, bei den Demokraten jedoch mitnichten Einfluss auf den Ausgang der Wahl im Sinne von Delegiertenstimmen hat.
So sehen Helden aus???
Und wie kann Torste Krauel eine Frau zur Heldin hochstilisieren über die er in seinem Artikel selber schreibt, dass sie – trotzdem sich „alle demokratischen Bewerber“ dazu verpflichteten auf Wahlkampf zu verzichten – „hinter den Kulissen darum kämpft […] diese Strafe rückgängig zu machen.
Etwas negativer drückt es Marc Pitzke bei SpiegelOnline aus:
[…] Hillary Clinton, die gestern den ultimativen Akt der Heuchelei beging: Nachdem sie zuvor erklärt hatte, sie werde Florida ignorieren, flog sie zur “Siegesfeier” in Davie ein, einem Vorort von Fort Lauderdale, um dort zu versichern: “Eure Stimme zählt!”
Dahinter steckt jedoch eine perfide Strategie: Clinton hofft, dass die Florida-Delegierten am Ende doch noch mitgerechnet werden und sie, im Falle eines Patts mit Obama, zur Kandidatur tragen. “Wir erwarten, dass die Delegierten berücksichtigt werden”, sagte Clintons Wahlkampfchefin Patti Solis Doyle gestern in einer eigens dazu einberufenen Konferenzschaltung mit Reportern.
Ganz ehrlich gefragt, liebe Online-Redaktion der Welt: Sehen so eure geliebten Helden aus? Herzlichen Glückwunsch den Clintonschen Spin-Doktoren!
Was Welt.de-Leser dazu sagen
Kurz vor der Veröffentlichung dieses Artikels habe ich mir einmal die Kommentare zu dem von Torsten Krauel verfassten und von mir kritisierten Kommentar durchgelesen. Und auch dort kann man die Ausführungen von Torste Krauel im Speziellen sowie die Berichterstattung der „Welt“ im Allgemeinen nicht wirklich nachvollziehen. Hier eine Auswahl:
Thorsten meint:
30.01.2008, 12:54 Uhr
Wieso ist denn die Clinton plötzlich Favorit?! Die hat doch bis jetzt erst eine gültige Vorwahl gewonnen (nach Delegiertenstimmen), alle anderen hat Obama gewonnen. Und wenn Edwards aussteigt und Obama empfiehlt sieht es ja noch schlechter für Clinton aus. Im Moment sieht es doch wirklich besser aus für den Obama.Arndt Bock meint:
30.01.2008, 12:55 Uhr
wow – ich habe selten einen “Artikel” gelesen, der die Wahrheit derart verfälscht. Wenn man scheinbar nicht den geringsten Schimmer hat und Spekulationen als Fakten verkauft, wird’s kritisch. Erschreckend schlechter Artikel!Gesunder Menschenverstand meint:
30.01.2008, 12:57 Uhr
Was ein miserabel recherchierter Artikel. Nach der nichtigen Florida-Wahl Hillary Clinton als Kandidatin der Demokraten mit “erheblichen Gewissheit” zu küren, zeugt von bestenfalls rudimentären Politkenntnissen. Schreiben bei der Welt etwa mittlerweile Studenten im Grundstudium die Artikel?
Weder werden die Delegierten gezählt, noch wurde im Artikel darauf eingegangen, dass sich das Democratic National Commitee mit den Kandidaten darauf verständigt hatte, dort keinen Wahlkampf zu führen. Trotzdem lies es sich Hillary Clinton nicht nehmen dort hinzureisen, mit der Hoffnung bei einem Patt mit Obama entsprechend diese annulierten Delegierten doch noch anrechnen zu lassen.Corinna meint:
30.01.2008, 13:03 Uhr
Der Artikelschreiber soll sich mal bei seinen amerikanischen Kollegen Nachhilfe geben lassen: http://news.yahoo.com/s/thenation/20080130/cm_thenation/45277369
Ganz klar wird hier gesagt, dass Clinton, trotz dessen sie dort Wahlkampf machte, unter den Erwartungen abschnitt und Obama dennoch der Favorit ist.Maxi meint:
30.01.2008, 13:48 Uhr
Ich bin schockiert, ganz ehrlich. Ich habe bisher noch nie einen so schlechten und auch FALSCHEN !!!!!! Kommentar gelesen. Ich meine, bei der Welt! Online laesst man anscheinend jeden an die Tastatur. Ich meine, es ist unbestritten, dass der Favorit bei den Demokraten Barack Obama ist … und was, lieber Herr Kommentator, ist bitte die Aussage eines Wahlergebnissen in Florida, in dem Obama gar nicht erst Wahlkampf gamacht hat, weil dieser Bundesstaat sowieso keine Delegierten stellen darf? Das wuerde ich wirklich einmal gerne wissen … Kurzum, wenn die Qualitaet so unterirdisch bleibt, dann bleibt als einzige Moeglichkeit, die Artikel bei anderen Zeitungen nachzulesen.Oh weh meint:
30.01.2008, 13:31 Uhr
Was für ein schlimmer Kommentar.
Sicher, ein Kommentar ist immer persönlich gefärbt, soll es ja auch sein. Aber bitte, bitte nicht einfach wahllos herumplappern das nächste Mal, sondern sich informieren. Zumindest kann man ja wohl erwarten, daß die zuständigen Journalisten ein wenig Ahnung von der Materie haben, über die sie schreiben.
Wenn in einem Kommentar ein so erschreckender Mangel an Kenntnissen festzustellen ist, dann muß ich mich wirklich über die Qualität dieser Zeitung wundern.
Ich dachte immer, daß ein Online-Angebot auch eine gewisse Werbung darstellt. Sozusagen auch ein Aushängeschild für die Qualität der Zeitung.
Und so weiter, und so weiter…
bluejax
Il, den 30. Januar 2008
Quellen und Links:
http://www.bluejax.net/2008/01/05/%e2%80%9edie-welt%e2%80%9c-gegen-barack-obama-
%e2%80%93-konservative-qualitats-verdrehung/
http://www.welt.de/meinung/article1611585/Clinton_gegen_McCain__Auf_in_den_Kampf_.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Kommentar_%28Journalismus%29
http://www.welt.de/politik/article1611584/Clinton_und_McCain_gewinnen_in_Florida.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,531955-2,00.html
Nachtrag, 30. Januar 2008, ca. 15.15h Uhr
Vor wenigen Minuten wurde gemeldet, dass John Edwards seine Kandidatur zurückgezogen hat. Jetzt bin ich aber mal gespannt, ob sich mein vor Wochen bereits geäußerter Tipp bestätigt und Barack Obama nun John Edwards als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten auf seine Seite ziehen kann. Es bleibt spannend!
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