Wie ich in die NEON kam!
By bluejax • Jan 20th, 2008 • Category: Aktueller Artikel, In eigener Sache Wer sich die Februar-Ausgabe der NEON anschaut, der wird auf Seite 63 rechts oben ein Foto sowie einen begleitenden Text eines junge Mannes sehen. Gekennzeichnet sind Text und Bild mit dem Namen Jan Rechlitz, auch bekannt unter dem Alias „bluejax“…
Der Text unter dem besagten Foto gibt eine kleine Stellungnahme meiner Meinung bezüglich Eifersucht wieder. Damit ist das Zitat Teil der Titelstory der aktuellen NEON, „Liebe braucht Eifersucht – Warum es jeder Beziehung hilft, wenn man sich seines Partners nicht allzu sicher ist“. Doch wie kam es dazu, dass ich in das gerade unter Studierenden sehr populären Magazin kam?

Bildquelle: Neon.de
Wie alles begann
Alles begann am Morgen des 04. Dezember 2007: Damals erreichte mich über das StudiVZ eine Nachricht von einer gewissen Julia B. mit folgendem Inhalt:
Hallo Kollege!
Du hast vielleicht gesehen, dass ich in deiner Eifersuchts-Gruppe eine Presseanfrage gepostet habe: Ich suche für eine Neon-Geschichte Protagonisten, die Eifersucht wichtig finden. Ganz dringend noch einen Herrn! Da du als Gruppengründer quasi einen Koryphäenstatus innehast, hättest du Lust?
Grüße,
Julia
Hintergrund der ganzen Sache ist, dass ich vor etwa anderthalb Jahren, also im Sommer 2006, eine Gruppe im StudiVZ gegründet hatte. Damals war das erfolgreichste deutsche Social-Netwok noch relativ frisch und interessant, von den Diskussionen um Datenschutz und Persönlichkeitsrechten war noch lange keine Spur.
Eine Gruppe im StudiVZ als Auslöser
Zu jener Zeit war ich noch mit meiner Ex-Freundin zusammen. Nach fünf Jahren jedoch fing es bei uns damals an zu kriseln, beschleunigt durch die Tatsache, dass sie einen jungen Mann über das StudiVZ kennenlernte. War es mir am Anfang noch relativ egal, was meine damalige Freundin im Internet machte, merkte ich alsbald, dass mich ihr Verhältnis zu diesem Kerl irgendwann zu stören begann.
Sprach ich sie darauf an, bekam ich nur vorgehalten, ich sei zu eifersüchtig und brauche mir keine Sorgen zu machen. Na ja, wie sich später herausstellen sollte, war mein Gefühl damals jedoch berechtigt, meine Ex hinterging und betrog mich mit diesem Kerl. Damals nahm ich meine Eifersucht zum Anlass eine Gruppe im StudiVZ zu gründen, mit der ich hauptsächlich dem Typ aber auch meiner Freundin zeigen wollte, dass ich eben nicht übermäßig eifersüchtig bin, sondern dies vielmehr ein ganz normales Gefühl von Verlustangst ist. Natürlich wollte ich auch ein Ausrufezeichen setzen: „Eifersucht gehört dazu! Also: Finger weg von meiner/m FreundIn!“
Als alles vorbei war kam die Interviewanfrage
Als ich die Nachricht von Julia B. über das StudiVZ erhielt war ich sehr erstaunt. Im StudiVZ war ich zu jener Zeit eigentlich kaum mehr noch aktiv. Mir war eigentlich fast schon entfallen, dass es diese Eifersuchts-Gruppe – die mittlerweile übrigens über 1.800 Mitglieder umfasst – überhaupt noch gibt. Von meiner Freundin und unserer gemeinsamen Wohnung in Erfurt hatte ich mich schon ein Jahr zuvor getrennt. Es war also die Vergangenheit, die mich auf einmal einholte.
Eigentlich musste ich gar nicht lange überlegen, ob ich Julia B. zu einem Interview zusagen sollte. Immerhin weiß ich aufgrund meines Medienprojektes „Street Lights TV“ und auch wegen meiner Tätigkeit als Studentische Hilfskraft an der TU Ilmenau, wie schwer es oftmals sein kann, auskunftswillige Interviewpartner zu finden.
Vielmehr noch jedoch reizte mich die Möglichkeit, einmal selber mitzuerleben, wie Journalisten vorgehen und wie eine Story bzw. das zugehörige Interview in der Praxis vonstatten geht. Also sagte ich zu!
Das Telefon-Interview
Noch am selben Tag, also am 04. Dezember 2007, rief mich Julia B. abends auf meinem Festnetzanschluss an. Bevor sie mir irgendwelche Fragen stellte, wollte sie mich erstmal frei über das Thema Eifersucht reden lassen. Ich erzählte ihr also von meinen Erfahrungen und meiner Einstellung. Irgendwann kam ich dann auch auf die Gruppe im StudiVZ zu sprechen und berichtete wie es zu der Gründung kam.
Als ich dann nach etwa 10 oder 15 Minuten mit erzählen fertig war, meinte Julia B., dass ich eigentlich schon so vieles berichtet hätte, dass die Fragen, die sie sich zurecht gelegt hatte, überflüssig seien. Also redeten wir noch über diverse andere Dinge, die nichts mehr mit dem Thema Eifersucht zu tun hatten. Am Ende wies mich die Journalistin noch darauf hin, dass mich in den folgenden Tagen irgendwann eine Fotografin anrufen würde, um mit mir über die Verwendung eines Fotos zu sprechen.
Ein Anruf in Mainz
Einen Tag später, am Mittwoch, den 05. Dezember 2007, fuhr ich dann nach Mainz, um drei Folgen für „Street Lights TV“ zu produzieren. Während dieser Zeit bekam ich auch den angekündigten Anruf der Fotografin. Sie teilte mir mit, dass Sie mich gerne in meiner persönlichen Umgebung fotografieren möchte und dazu extra von Hannover nach Ilmenau fahren würde. Wir verabredeten uns für den 14. Dezember.
Am 10. Dezember bekam ich dann eine E-Mail von Julia B., die mich eine Woche zuvor interviewt hatte. Es war das Protokoll des Telefongesprächs sowie der von ihr daraus erarbeitete kleine Artikel. Ich sollte mir den Text durchlesen und zur Veröffentlichung frei geben.
Hallo Jan,
hier ist das zusammengeschriebene Protokoll zum Autorisieren. Wenn da
irgendein Wort drin ist, wo du dir denkst, das würdest du niemals so sagen,
können wir das natürlich noch ändern. Sag einfach Bescheid.Herzliche Grüße in die Mitte Deutschlands,
Julia[…] Ich hatte einen Verdacht und habe in meinem Wahn die Mails meiner Freundin gelesen. Leider stimmte mein Verdacht. […]
Mein Einwand als Verbesserungsvorschlag
Es war im Grunde genommen derselbe Inhalt, wie er auch heute in der NEON zu lesen ist. Allerdings missfiel mir ein Wort: „Wahn“! Dies teilte ich auch umgehend Julia B. mit:
Hi Julia,
vielen Dank, dass du dich vorher bei mir um eine Autorisierung bemühst!
Im Grunde genommen möchte ich gar nicht in deine journalistische Arbeit rein reden. Aber wenn du mich schon so fragst, dann ist da wirklich ein Wort, das auf mich etwas befremdlich wirkt. Und zwar ist es das „Wahn“. Das wirkt auf mich etwas hart. Wobei, vielleicht ist es ja auch angebracht, ich weiß ja nicht, wie mein Verhalten auf andere wirkt.Besser würde mir persönlich der Begriff „Verzweiflung“ gefallen, weil es aus meiner Sicht das etwas besser trifft. Ich war damals sehr verzweifelt, würde aber nicht sagen, dass ich mich in einem „Wahn“ befunden habe. Denn Wahn hat immer etwas mit Einbildung oder überzogenem Verhalten zu tun (krankhaft?!). Ich allerdings hab mich eigentlich nur verzweifelt gefühlt, war am Ende!
„Ich hatte einen Verdacht und habe in meiner Verzweiflung die Mails meiner Freundin gelesen.“
Aber wie gesagt, wenn meine Ausführungen auf dich den Eindruck gemacht haben, dass ich mehr in einem „Wahn“ als aus „Verzweiflung“ gehandelt habe, dann ist es dein gutes Recht, diese Formulierung zu verwenden!
Über eine kurze Rückmeldung auf meine Mail würde ich mich sehr freuen!
Einen wunderschönen Abend & viele liebe Grüße in den Süden der Republik,
Jan
Es dauerte nicht lange und Julia schrieb mir auf meine E-Mail mit der Kritik zurück:
Hallo Jan,
danke für deine Mail! Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich am Wahn eigentlich gerne festhalten – das ist überhaupt nicht pathologisch gemeint. Aber für diese Situation finde ich es ganz treffend, weil man sich so getrieben fühlt und gar nicht anders zu helfen weiß. Man verliert manchmal auch jede Rationalität… also, ich mag das Wort. Keine Angst, deswegen wird dich keiner für einen gefährlichen Psycho halten. Versprochen.
Liebe Grüße,
Julia
Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich an den kleinsten Wörtern aufhalten kann. Ich überlegte nochmals einige Zeit nach und kam zu dem Entschluss, dass der Begriff „Wahn“ dennoch das falsche Wort war, um die Situation, in der ich mich seinerzeit befunden hatte zu umschreiben. Mir ging es dabei weniger um die Außendarstellung von mir, als vielmehr um das Bemühen die Realität so wahrheitsgetreu wie nur irgendwie möglich darzustellen. Deswegen schrieb ich Julia zurück:
Wieso ich kritisch war
Hi Julia,
hmmmm, für mich steht das Wort „Wahn“ allerdings irgendwie für was anderes, als das wie es mir damals ging. Ein Blick auf Wikipedia sagt:
„Der Begriff Wahn repräsentiert eine Überzeugung, die
1. logisch inkonsistent ist oder wohlbestätigtem Wissen über die reale Welt widerspricht und
2. trotz gegenteiliger Belege aufrechterhalten wird, weil die persönliche Gewissheit der Betroffenen so stark ist, dass sie rational nicht mehr zugänglich sind. Wahn gilt als Zeichen einer Psychischen Störung.“Zum Thema Eifersucht sagt Wiki:
„Eifersuchtswahn
Der Betroffene ist in einem Maße eifersüchtig auf den Ehe- bzw. Lebenspartner oder den Lebensgefährten, das seine Mitmenschen als übertrieben empfinden. Er interpretiert diverse Ereignisse als Beweis für einen Treuebruch. Eifersuchtswahn wird häufig bei Alkoholkrankheit und Demenz diagnostiziert und in einen Zusammenhang mit Gewalt gegen den Partner bzw. die Partnerin gestellt.“Demgegenüber heißt es über die „Verzweiflung“:
„Verzweiflung ist ein Extremzustand der psychischen Verfassung in einer als aussichtslos empfundenen Situation.„Verzweiflung“ ist der – mit der Vorstellung von völliger Hoffnungslosigkeit oder vom eigenen Unvermögen, einen Zustand länger zu ertragen, einhergehende – höchste Affekt von Angst oder Schmerz, der das Gemüt in eine solche Verwirrung versetzt, dass, wer verzweifelt, sich entweder völlig ratlos den wildesten Ausbrüchen des Schmerzes überlässt, oder auf eine bloße Möglichkeit augenblicklicher Rettung hin (sei auch die Wahrscheinlichkeit gerettet zu werden noch so gering und selbst die Gefahr vorhanden, in einen noch unglücklicheren Zustand zu geraten) ohne Überlegung jedes Mittel ergreift, wenn es nur rasch zur Entscheidung führt, oder endlich (um nur um jeden Preis sein Leiden zu enden) sich das Leben nimmt.“
Also, je mehr ich gerade über die Sinnhaftigkeit dieser beiden Worte nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass der Begriff „Wahn“ nicht wirklich zutreffend ist. Weder hat meine Wahrnehmung der realen Welt widersprochen, noch handelte es sich um übertriebene Eifersucht. Meine Ex sagt heute noch, dass ich von all ihren Freunden derjenige bin, der am wenigsten (besser: am kontrolliertesten) eifersüchtig war. Wenn ich dann höre, wie es bei ihrem heutigen Freund ist, der sie nicht mal zu einem Referatstreffen mit einem Kommilitonen in die Bibliothek lässt, dann glaub ich, dass der Begriff „Wahn“ erst Recht nicht zutreffend ist.
Verzweiflung hingegen trifft meiner Meinung nach genau die Situation, wie ich sie damals und auch heute rückblickend empfunden habe. Ich fühlte mich hoffnungslos und befand mich in einem „Extremzustand der psychischen Verfassung in einer als aussichtslos empfundenen Situation.“
Ich kann nachvollziehen, wenn dir der Begriff „Wahn“ besser gefällt, allerdings stellt er meiner Meinung nach wirklich ein anderes Bild dar, als es letztlich wirklich war. Mir geht es dabei weniger um die Darstellung von mir, als vielmehr um eine „richtige“ Darstellung der damaligen Situation!
Ich hoffe du bist mir wegen meiner Kritik nicht böse! Ich schreibe selber gerne und viele Texte und liebe es mit Worten umzugehen. Leider geht damit aber auch einher, dass ich Worte immer auf tausend Waagschalen lege und an Kleinigkeiten feile!
Einen schönen Abend und viele liebe Grüße aus dem verregneten Ilmenau,
Jan(Wikipedia-Quellen: Wahn, Verzweiflung, Eifersucht)
Eine Antwort erhielt ich auf diese E-Mail von Julia B. nicht mehr. Es wäre für mich nachvollziehbar gewesen, wenn Julia wegen meiner Kritik etwas genervt, wenn nicht gar sauer war. Dennoch, ich stehe dazu, mir war es wichtig, meine Situation aus dem Jahr 2006 so ehrlich wie nur möglich wiederzugeben. Ich hörte erst am 03. Januar 2008 von Julia B., als sie mich informierte, dass die Story fertig sei und die NEON meine Adresse benötige, um mir ein Belegexemplar der betreffenden Februar-Ausgabe zuzusenden.
Das Fotoshooting
Am Donnerstag den 13. Dezember 2007 folgte dann das vereinbarte Shooting. Als die Fotografin Dorota mich besuchen kam, hatten wir etwas mehr als eine Stunde Zeit, um Kaffee zu trinken, ein bisschen zu quatschen und natürlich um massenhaft Bilder zu machen. Ich war wirklich erstaunt über den Umfang, den die ganze Sache mittlerweile anzunehmen begann. Dorota machte unzählige Fotos von mir; in meinem Zimmer, in der Küche, im Garten,…
Sie erzählte mir, dass sie aus den hunderten von Bildern letztlich die sechs Besten heraus suchen und diese dann an die Fotoredaktion der NEON senden würde. Die Redaktion würde sich dann für das am besten geeignete Bild entscheiden. Bevor Dorota wieder losfuhr, rang ich ihr noch das Versprechen ab, mir die eingereichten sechs Bilder zu meiner freien Verfügung zuzusenden!
Fazit & die neue NEON in der Hand
Gestern nun lag in meinem Briefkasten die brandneue Februar-Ausgabe der NEON. Der Inhalt hielt eine schlechte sowie eine gute Nachricht für mich bereit: Das verwendete Bild von mir sieht schrecklich aus (= schlecht). Und Julia hatte letztlich wirklich meinen Vorschlag angenommen und den Begriff „Verzweiflung“ anstelle von „Wahn“ verwendet (= gut)!
Insgesamt bleibt fest zu halten, dass ich es sehr interessant fand direkt mitzuerleben, wie ein so kleiner Text entsteht. Zum einen ist es erwähnenswert, dass heutzutage auch das StudiVZ als Recherchegrundlage für Interviewpartner herhalten kann. Zum anderen hätte ich nie gedacht, dass eine Fotografin extra knapp 300 Km von Hannover nach Ilmenau geschickt wird, um ein Bild von mir zu machen.
Alles in allem war es eine interessante Geschichte, die letztlich auch sehr viel Spaß gemacht hat. Und selbst wenn ich in der NEON mit 82 Prozent Eifersuchtsfaktor am schlechtesten aller Befragten abzuschneiden scheine: Immerhin fehlen mir damit nur 18 Prozent für die Titelseite der Bild-Zeitung…
bluejax
Il, den 20. Januar 2008
Quellen und Links:
http://www.neon.de/magazin/0802
http://www.neon.de/
http://www.studivz.net
http://www.studivz.net/group.php?ids=5a1d8ba29e7563de
http://www.streetlightstv.de/
http://www.tu-ilmenau.de
http://www.bluejax.net/2007/12/16/folge-mainz-brennpunkt-goetheplatz-die-gedanken-einer-
streetworkerin-und-%e2%80%9ejugendliche-auf-der-strase%e2%80%9c/
http://de.wikipedia.org/wiki/Wahn
http://de.wikipedia.org/wiki/Verzweiflung
Bildquellen:
http://www.neon.de/img/Magazin/cover/0802_big.jpg
bluejax is
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