„Die Welt“ gegen Barack Obama – Konservative Qualitäts-Verdrehung
By bluejax • Jan 5th, 2008 • Category: Aktueller Artikel, Medien UPDATE Vor fast einem Jahr zelebrierte „Die Welt“ ein bekanntes PC-Betriebssystem, heute kämpft Welt.de gegen die aufkeimenden Sympathien für einen US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten-Kandidaten. Das Springer-Blatt eignet sich immer wieder als Anschauungsbeispiel für fragwürdige journalistische Methoden!

PR schlägt Journalismus
Am 01. Februar 2007 erschien bei Bluejax.net der Artikel „Die Welt zelebriert Vista – PR versus Journalismus“. Darin kritisierte ich die große deutsche Tageszeitung „Die Welt“, weil sie auf ihrer Titelseite ganz unverhohlen Werbung für das neue Betriebssystem Windows Vista gemacht hatte. Keine Spur von der im Pressekodex festgehaltenen Selbstverpflichtung der Presse zur Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt!
Heute nun bekommen wir eine Ahnung davon, wie es um das politische Empfinden der Online-Redaktion der Welt steht. Denn scheinbar waren die Ergebnisse der Vorwahlen um die US-Präsidentschaft-Kandidaten vom vergangenen Mittwoch in Iowa so überhaupt gar nicht nach dem Geschmack der Redaktion. Nicht anders lässt das heutige Verhalten auf Welt.de erklären.
Ein ganz normaler Artikel, oder?!
Bei meiner morgendlichen News-Lektüre auf den verschiedenen Nachrichtenseiten im Internet war ich wie immer auch bei Welt.de. Dort ist mir ganz besonders ein Artikel aufgefallen, der zu der Zeit ganz oben zu finden war. Der Artikel, veröffentlicht am gestrigen 04. Januar um 16.30 Uhr, berichtet von den Erinnerungen eines ehemaligen Mitschülers von Barack Obama, als dieser noch in Indonesien zur Grundschule ging.
Dabei erzählt der 46-jährige Onny Padmo, dass Barack Obama ihm als sehr kontaktfreudiger Junge in Erinnerung geblieben sei, der „gerne mit den anderen“ spielte. Daran schließt der folgende Satz an:
„Aber besonders gut ist er in der Schule meiner Meinung nach nicht gewesen“, ergänzt er, genau wisse er es allerdings nicht mehr.“
Eine fragwürdige Überschrift
Danach erzählt der Autor des Artikels, Pablo Silalahi, einiges über die Schule, die der junge „Barry“ zu jener Zeit besuchte. Es kommt der heutige Direkter, Herr Kuswadiyanto, zu Wort, der erzählt wie stolz er sei, dass sich ein ehemaliger Schüler der Schule, der in Indonesien aufgewachsen sei, heute um die US-Präsidentschaft bewirbt. Gekannt habe er den jungen Barack Obama nicht.
Soweit klingt alles nach einem ganz normalen Artikel über die Grundschul-Zeit von Barack Obama. Doch „Die Welt“ wäre wohl kein Springer-Blatt, wenn sie nicht nun ihre spindoktorischen Finger ansetzen würde. Denn wie wird wohl die Überschrift zu diesem Artikel lauten? Na? Überraschung:
„Besonders gut in der Schule war er nicht“
Negativ + Negativ = ähm….???
Wie man aus einem harmlos erscheinenden Artikel über die Jugendjahre von Barack Obama einen solch negativen Titel erzeugen kann, das kann uns wohl nur die Welt-Online-Reaktion verraten. Besonders lächerlich wird das ganze, wenn man bedenkt, wie Omny Padmo zitiert wird: „genau wisse er es allerdings nicht mehr“
Noch absurder wird die Welt, wenn man sich den Teaser zu dem Artikel anschaut, der ja zusammen mit dem Titel als Einleitung auf der Startseite von Welt.de zu sehen ist und nicht nur als erstes ins Auge fällt, sondern auch am längsten im Gedächtnis haften bleibt:

„Eher dicklich und der einzige Schwarze: Wegen seines Aussehens war Barack Obama in seiner Schulzeit eine Besonderheit in der Klasse. Von 1967 bis 1971 lebte er in Indonesiens Hauptstadt Jakarta. Ein ehemaliger Mitschüler erzählt von dem Mann, der US-Präsident werden will.“
Die Einsicht bei Welt
So ganz geheuer schien der Artikel der Welt-Redaktion dann aber irgendwann doch nicht mehr zu sein. Denn am heutigen 05. Januar 2008 wurde um 04.00 Uhr derselbe Artikel ein weiteres Mal veröffentlicht. Diesmal unter der folgenden Überschrift:
“Barry sprach sehr gut Indonesisch”
Und auch der Teaser wurde verkürzt. Der erste Satz fällt nun komplett weg. Es heißt jetzt lediglich: „Barack Obama lebte von 1967 bis 1971 in Indonesiens Hauptstadt Jakarta. Was ein ehemaliger Mitschüler über ihn erzählt“. Na also, wieso nicht gleich?

Der Nachschlag!
Ach ja, dass „Die Welt“ es dann doch nicht ganz bleiben lassen kann, war zu erwarten. Gerade eben habe ich noch einen Nachschlag bei Welt.de gefunden: „US-Demokraten – Obama weiß, wie man Gegner schlecht macht“ von Torsten Krauel:
Doch das strahlende Lächeln täuscht. Dahinter steckt ein eiskalter Machtpolitiker.
[…]
Das strahlende Lächeln täuscht. Vor zwölf Jahren wollte Obama die erste Etappe auf dem Weg bezwingen, der ins Weiße Haus führt:
[…]
Barack Obama zögerte keine Sekunde. Er recherchierte und fand Unterlagen, die seine Rivalin ins Zwielicht rückten. Es ging um die Bevorzugung von Bekannten und die Ausnutzung von Beziehungen. Eine kleine Sache, nichts wirklich Skandalträchtiges, aber der Neuling erweckte den Eindruck, als trete er gegen eine korrupte Platzhalterin an. Obama gewann die Wahl. Die Episode ist eine Warnung an alle, die glauben, der Präsidentschaftsbewerber sei ein naiver junger Mann.
[…]
Barack Obama hat auch bewiesen, dass er dunkle Schatten auf seiner Karriere überdecken kann. In seiner Heimat Chicago war er eng einem Immobilienboss verbunden, gegen den inzwischen Staatsanwälte wegen Bestechung ermitteln. Obama kaufte von ihm sogar sein neues Privathaus zu Vorzugsbedingungen.
[…]
Obama nahm auch Spenden von Firmen an und unterstützte später in Washington Gesetze, die den Spendern nützten.
[…]
Gute Präsidenten brauchen genau diese Mischung aus Idealismus und Ruchlosigkeit.
[…]
Barack Obama stottert und redet manchmal wirr, wenn er in einer Debatte spricht. Nur mit einem vorgefertigten Manuskript wird er zu dem hinreißenden Redner, den die Welt jetzt kennen lernt.
[…]

Was ich zu diesem Artikel sage? Kein Kommentar
bluejax
Il, den 05. Januar 2008
Quellen und Links:
http://www.bluejax.net/2007/02/01/die-welt-zelebriert-vista-%e2%80%93-pr-versus-journalismus/
http://www.welt.de/
http://www.welt.de/welt_print/article1519457/Barry_sprach_sehr_gut_Indonesisch.html
http://www.welt.de/politik/article1520333/Obama_weiss_wie_man_Gegner_schlecht_macht.html
Nachtrag: 07. Januar 2008, ca. 11.30 Uhr
Wie jeden Tag, gab es auch heute wieder die allmorgendliche Newslektüre auf den verschiedensten Nachrichtenseiten im Internet. Und wie immer, war auch u.a. Welt-Online mit dabei. Und wie sollte es anders sein, abermals findet man dort einen negativ angehauchten Artikel über Barack Obama.
Das Obama-Bashing von Welt.de geht weiter!
Mittlerweile scheint diese einseitige Berichterstattung auch anderen Lesern aufzufallen, wie folgender Kommentar zeigt, den ein Leser zu dem Artikel „US-Wahlkampf
Obama zwischen Philosophie und Kampfsport“ von Anjana Shrivastava geschrieben hat:
Mike1587 meint: 07.01.2008, 09:53 Uhr
oh gott ist der artikel schlecht. Was hat Obama Welt Online eigentlich getan ?? Bei Ihm wird alles hinterfragt…bei CLinton nicht…sie hat ja erfahrung..tzz..unfassbar!Diese Welt Online Anti-Obama haltung von den verschiedenen verfassern macht langsam müde. Und irgendwie hat man das Gefühl überall steht das gleiche drin!
Im Teaser zu dem Artikel heißt es:
Hillary Clinton kennt die Politik. Von Obama weiß man wenig. Er hat seine Undurchschaubarkeit als Streetworker in Chicago gelernt. In seiner steilen Karriere hat er sich zudem nie irgendwo lang genug aufgehalten, um an seinen Aufgaben gemessen zu werden. Kaum einer weiß, was die USA unter einem Präsidenten Obama wirklich erwartet.
Und auch der Artikel selber zeigt, dass sich die Redaktion der Welt wohl eher Hilary Clinton als Kandidatin der Demokraten zu wünschen scheint, als den jungen Barack Obama:
Hillary Clinton redet im Moment am liebsten von 35 Jahren Erfahrung. Über drei Jahrzehnte Maloche in der Politik. Sie klingt wie ein alter Stahlarbeiter, dessen Fabrik bald dicht macht. In Iowa hat Obama sie gerade links und in der Mitte besiegt. Eine Begebenheit, die es in der herkömmlichen Politik eigentlich gar nicht geben darf, die sich aber morgen in New Hampshire wiederholen könnte.

Und auch im restlichen Teil des Artikels lässt man kein gutes Haar an Obama:
Obama ist schwer durchschaubar, er hat sich im Griff. Das kommt von der Eliteerziehung, auf Hawaii, an der Harvard Universität. Das ist ohne Zweifel die verinnerlichte Coolness des schwarzen Mannes.
[…]
Seine anschließende Rede las er von einem Teleprompter ab, sie war sprachlich perfekt, erinnerte in ihrem rhetorischen Aufbau stellenweise frappant an einen 70er Jahre Spielfilm mit Robert Redford (The Candidate) – aber war sie spontan? Natürlich nicht.
[…]
Besonders die alt gedienten Progressiven der Demokratischen Partei hegen zunehmend Zweifel an ihm. Schon als sein Triumph in Reichweite ist, zeigen ältere Anhänger eine gewisse Enttäuschung. Der Prediger Jesse Jackson bemängelt Obamas zweideutiges Engagement in kontroversen Fragen der schwarzen Gemeinschaft, die Internet Aktivisten, die Howard Dean protegiert haben, lassen ihre Zweifel an seiner Unkonventionalität laut werden.
[…]
Der Ökonom und Clinton Anhänger Paul Krugman fragt in der “New York Times” klagend, ja verzweifelt, in Artikeln wie „Why Barack, Why?” wieso Obama sich in wichtigen Fragen rechts von Republikaner Mitt Romney in Sachen der Gesundheitsreform befindet.
[…]
Woher schon diese Gewissheit, dass er dieses Volk hinter sich hat? Oder ist es Angst? Denn Ängste um ihn gibt es viele. Besonders unter Schwarzen, dass er wie viele ihrer Anführer einfach erschossen werden könnte.
[…]
Sicherlich hat er auch Angst, – wer hätte es nicht -, dass er auf das eventuell Kommende nicht wirklich vorbereitet ist. Obama hat sich nirgendwo in seiner kurzen, steilen Karriere lang aufgehalten, nie lang genug um endgültig an irgendeiner Aufgaben wirklich gemessen zu werden. Eher registriert man bei ihm ein langes, zähes Werben um den jetzigen Moment.
[…]
Ist das Zynismus oder naiver Glauben an einen politischen Messias?
[…]
Denn Obama ist weit von umfassenden Plänen im Clintonschen Sinne entfernt. In der Gedankenwelt von Obama scheint es kaum ein Weltproblem zu geben, für den der Zynismus wie der Teufel selbst nicht verantwortlich wäre.
[…]
Man weiß nicht warum: ob sie in Obama einen nützlichen Idioten sehen, der Hillary verhindert, oder ob sie ihn wirklich mögen.
[…]
Obamas Vater war ein angehender Politiker und Weltretter, der seine Frau aus Kansas sitzen ließ.
[…]
Aber was macht Barack Obama, wenn er gewonnnen hat? „Und was machen wir jetzt?” fragt Robert Redford nach gewonnener Wahl in dem Film, den Obamas Berater und Redenschreiber ganz offensichtlich mehrfach angeschaut haben. Dann kommt der Abspann. Bei Obama käme das Weiße Haus.
Quellen und Links:
http://www.welt.de/dossiers/winningwhitehouse/article1525726/Obama_zwischen
_Philosophie_und_Kampfsport.html
bluejax is
Email this author | All posts by bluejax




























Ich finde es überhaupt mal interessant wie stark die Vorwahlen in den deutschen Medien Berücksichtigung finden. Bei Spiegel Online steht jeden Tag irgendein anderer Artikel ganz oben auf der HP, in der taz widmet man sich dem Thema in der aktuellen WE-Ausgabe auf den ersten 3 Seiten,… In anderen Medien kann ich es jetzt nicht einschätzen, zumal ich keinen Fernseher habe, aber ich vermute dort wird es sich in vielen ganz ähnlich darstellen, oder?
Aber letztendlich sind es doch nur Vorwahlen, also VOR der eigentlichen Wahl. Was ist daran so bedeutend für uns, für die Welt? Das eine Frau gegen einen dunkelhäutigen Mann antritt? …Ich kann ja verstehen, wenn man über das Spektakel jeweils einen Artikel schreibt, aber das es im Moment nichts wichtigeres zu geben scheint, als dieses Thema, macht mich nachdenklich. Was soll das erst werden, wenn die richtige Wahl ansteht? Wird es dann deutsche Sonderausgaben der Zeitungen geben, welche exklusiv über die letzten 2 Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl berichten? Das wär ja mal was…
Puh, ich glaub ich steh gerade etwas auf dem Schlauch?! Vielleicht kann mir jemand folgenden Teil des Artikels „”Osama, Obama and your Mama – Warum Hillary Clinton nach Iowa mehr Delegierte als Barack Obama hat” (was für ein konfuser Titel!) von Peter Mühlbauer erklären, den ich gerade eben bei Telepolis gelesen habe:
Okey, den zweiten Teil mit den Walmännern & Amtsträgern/Funktionären versteh ich ja noch, aber wieso erhält Clinton in Iowa mehr Delegiertenstimmen, als Edwards?
Is das sowas ähnliches wie im gesamt US-Wahlrecht, wo es mal passieren kann, dass ein Präsidentschaftskandidat 500.000 Stimmen mehr bekommt, aber dennoch unterliegt?! Wurden in Iowa also die Wahlmänner nach dem Abschneiden in den einzelnen Wahlkreisen vergeben? Weiß das jemand?
Sowas nennt man DEMOKRATIE!?!
Zitat: “US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten-Kandidaten”
etwas peinlich für ein Qualitäts-Magazin, oder?
@ Thorsten Göbel
Vielen Dank erstmal, für die Einstufung als “Qualitäts-Magazin”
In den momentan stattfindenden Vorwahlen werden in den USA die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner & Demokraten gewählt. Die hier Angetretenen bewerben sich also quasi darum, als offizieller Kandidat ihrer entsprechenden Partei bei der US-Präsidentschaftswahl im November 2008 aufgestellt zu werden. Insofern sind sie also Kandidaten für eine Präsidentschaftskandidatur. Deswegen: “Präsidentschaftskandidaten-Kandidaten”
Ich habe bei diesem us-amerikanischen Wahlsystem eh noch nie ganz durchgeblickt, kann dir leider also auch nichts zu deiner Frage sagen. Was ich aber wohl glaube, aus dem Artikel entnommen zu haben ist, dass es völlig Schnuppe ist, wer in den Bundesstaaten dort jetzt das Rennen macht. Am Ende ist es trotzdem völlig offen, wer Kandidat wird. Also warum dieser ganze Medientrubel!? Irrsinn!
[...] über nicht genehme Präsidentschaftsanwärter in den Vereinigten Staaten. Aufschlußreiches Protokoll und Analyse bei bluejax.net Weiterempfehlen: Verwandte Beiträge:Warum Obama gut und Huckabee böse istSchlechte [...]
[...] man bei Welt.de nicht viel von Barack Obama hält, haben wir vor einigen Wochen schon einmal festgestellt, als mehrmals täglich Artikel veröffentlicht wurden, in denen sich der Eindruck aufzwängte, dass [...]
Scheiss Axel Springer Verlag, Scheiss Welt Online. Es ist denen ein Dorn im Auge, wenn ein Farbiger Präsident würde.
Das würde Weltweit ein Arschtritt der Rechten bedeuten. Falls er Präsident wird, würden die nächsten 8 Jahre eine Hölle für die Rechten werden. Die CDU/CSU z.B. würde die Bundestagswhl 2009 verlieren…Genau vor diesem Horroszenario haben die Rechten einen “Scheiss” Angst.