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Reaktion: Carsten Thurau beantwortet „Offenen Brief“ an die ZDF-heute-Journal-Redaktion!

By bluejax • Sep 23rd, 2007 • Category: In eigener Sache, Lateinamerika, Medien, Nachgefragt, m.pressed (bluejax@mpress)

Am 06. August 2007 habe ich einen Offenen Brief an die ZDF-heute-Redaktion verfasst und veröffentlicht, den ich zum einen an die betreffende Redaktion, aber auch an diverse Vertreterinnen und Vertreter verschiedener deutscher Medienpublikationen geschickt habe. In diesem Brief habe ich Slomka und die heute-Redaktion für ihre – meiner Meinung nach – negative, weil zu einseitige Berichterstattung über den Auslauf der Lizenz im Falle des venezolanischen Fernsehsenders RCTV im speziellen und über die Darstellung des Präsidenten von Venezuela, Hugo Chávez, im Allgemeinen kritisiert.

Südamerika-Korrespondent des ZDF antwortet

Leider habe ich aus der heute-Redaktion lange Zeit keine Reaktion erhalten. Nichtsdestotrotz habe ich meinen Offenen Brief seither wöchentlich immer wieder an die Redaktion gesandt, in der Hoffnung irgendwann einmal eine Antwort zu erhalten. Und diese Rückmeldung ist vor wenigen Stunden tatsächlich bei mir eingegangen!


Bildquellen: zdf.de

Vielen Dank an Carsten Thurau für die Rückmeldung!

Carsten Thurau, Journalist und Südamerika-Korrespondent des ZDF, höchstpersönlich hat sich meiner Kritik angenommen und mir ein zweiseitiges Word-Dokument [pdf-Download] mit offiziellem ZDF-Briefkopf zugesandt. Das Dokument ist auf den 19. August 2007 aus dem ZDF-Studio in Rio de Janeiro datiert und wurde von Herrn Thurau in der (richtigen) Annahme, dass ich seine E-Mail aus dem August nicht erhalten habe, heute aus seinem Urlaub nochmals an mich versandt, wofür ich mich bei Herrn Thurau recht herzlich bedanken möchte!

Selbstverständlich halte es für fair und angemessen, die Antwort von Carsten Thurau hier nun zu veröffentlichen. Dabei belasse ich die Ansichten Thuraus bewusst unkommentiert, weil ich dies in diesem Falle für angebracht halte. Allerdings behalte ich mir das Recht vor, über die Kommentarfunktion an einer kritischen Diskussion teilzunehmen!

Ihr Offener Brief an das ZDF mit der Kritik an Marietta Slomka vom heute journal

Sehr geehrter Herr Rechlitz,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 8. August an die Redaktion des heute journals. Die Kolleginnen und Kollegen haben mich gebeten, eine Antwort auf ihren Offenen Brief zu formulieren, da ich als Südamerika-Korrespondent die Begebenheiten in Venezuela gut kenne und über das Land und die Politik von Präsident Chávez sehr häufig in den vergangenen Jahren berichtet habe. Der heute-journal-Beitrag vom 3. August über den Fernsehsender RCTV stammt ebenfalls von mir.

Sie haben vollkommen recht: es ist die Pflicht von Journalisten, Sachverhalte objektiv und kritisch darzustellen. Gerade deshalb kann ich Ihren Vorwurf, dass das ZDF oder Marietta Slomka diese Pflicht verletzt haben, nur schwer nachvollziehen. In unserer Berichterstattung über Venezuela und Hugo Chávez bemühen wir uns stets um größtmögliche Objektivität und Distanz, gleichzeitig aber nehmen wir uns das journalistische Recht – und die Pflicht – heraus, Sachverhalte und Vorgänge für die Zuschauer einzuordnen, zu hinterfragen und auch kritisch zu kommentieren. Gerade in einer Sendung wie das heute journal, das ein Nachrichtenmagazin ist, erwarten die ZDF-Zuschauer einen Mehrwert an Information und Einordnung über die 19-Uhr-Nachrichtensendung hinaus. In einer immer komplexer werdenden Welt sehen wir das sogar als unsere journalistische Sorgfaltspflicht an.

In ihrem Schreiben beziehen Sie sich auf Beiträge bzw. Anmoderationen über den venezolanischen Fernsehsender RCTV. Ich gebe Ihnen nochmals recht: formaljuristisch handelt es sich nicht um eine Senderschließung. Vielmehr wurde die auslaufende terrestrische Sendelizenz nicht verlängert. Auch das haben wir in unseren Beiträgen stets betont. Wenn man jedoch weiß, dass Hugo Chávez in seinen sonntäglichen Fernsehshows „Hóla Presidente“ wiederholt lautstark verkündete und drohte, „diese Typen mache ich mundtot“, oder: „wer sich wagt, unsere Revolution in den Dreck zu ziehen, ergeht das gleiche Schicksal wie RCTV“, darf man annehmen, dass die Entscheidung, die Lizenz nicht zu verlängern, sehr wohl politisch motiviert war. Anschließende Studentenproteste gegen diese Entscheidung wurden zum Teil brutal von Polizei und Militär niedergeknüppelt.

RCTV – und auch da haben Sie recht – nennt sich selbst zwar Oppositionssender, ist und war aber nie ein Sender unabhängiger und freier Berichterstattung, wie wir das aus Deutschland oder Europa kennen. Auch das haben wir deutlich in unserem Beitrag vom 3. August gesagt. Im Gegenteil, RCTV hat selbst Politik gemacht, hat zu Demonstrationen aufgerufen und spielt, wie Sie selbst schreiben, eine sehr fragwürdige Rolle beim Umsturzversuch im Jahre 2002. Auf der anderen Seite gibt es keinen staatlichen Sender in Venezuela, den wir nach unseren Maßstäben als „unabhängig“ bezeichnen können. Eine freie Berichterstattung gibt es in Venezuela schlichtweg nicht. Wenn also ein Präsident mit seinen – nennen wir es – gleichgeschalteten staatlichen Medien einem Oppositionssender die Verlängerung der terrestrischen Sendelizenz verweigert und damit vielen – vorwiegend ärmeren –
Bevölkerungsschichten die Möglichkeit nimmt, den Sender zu sehen, und statt dessen einen eilig ins Leben gerufenen staatlichen Sender ins Programm nimmt, ist dies für mich ein klarer Angriff gegen die Pressefreiheit, selbst wenn die Presse und die Medien im Land nicht „frei“ berichten. Venezuelas Bevölkerung weiß sehr wohl, dass sie weder den Nachrichten von RCTV noch denen der staatlichen Sender trauen durften. Die „Wahrheit“ lag immer dazwischen. Dem Land droht bald nur noch eine Wahrheit, nämlich die der staatlichen Sender. Dagegen sind Tausende in Caracas auf die Straße gegangen und dagegen wehren sich sogar viele Anhänger des Präsidenten, wie wir es in unserem Beitrag vom 3. August gezeigt haben.

Gestatten Sie mir noch einige persönliche Anmerkungen zur Politik Venezuelas, die ich seit Jahren journalistisch für das ZDF begleite. Hugo Chávez ist ein demokratisch gewählter Präsident. Alle Versuche der Opposition, ihm regelmäßig Wahlbetrug vorzuwerfen, sind falsch, wie unabhängige Wahlbeobachter aus aller Welt bescheinigen. Dennoch konnten wir im Laufe der letzten Jahre beobachten, wie sehr Hugo Chávez das Land spaltet, wie der Riss durch alle Gesellschaftsschichten immer tiefer wurde. Wer im Jahre 2004 den Aufruf zum Referendum zur Abwahl Chávez´ unterzeichnete, riskierte, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Wir haben Metrofahrer und andere Angestellte des Öffentlichen Dienstes getroffen, denen offen – und schriftlich – gedroht wurde und die tatsächlich ihren Job und alle Rentenansprüche verloren. Wir haben junge Gegner des Präsidenten interviewt, denen der Zugang zu staatlichen Universitäten des Landes verweigert wurden. Wir spüren in letzter Zeit ein immer stärker werdendes Klima der Angst in diesem Land. Aus tiefer und begründeter Sorge vor Repressalien trauen sich immer weniger Menschen, in Interviews mit uns ein kritisches Wort über die Politik des Präsidenten zu verlieren.

Gerade deshalb, lieber Herr Rechlitz, werden wir nicht aufhören, in unseren Beiträgen objektiv und kritisch über die Politik Venezuelas zu berichten. Auch auf die Gefahr hin, dass ausländische Journalisten des Landes verwiesen werden, wie Hugo Chávez kürzlich androhte. Und wir wissen sehr wohl, dass einige unsere Zuschauer anderer Meinung sind und freuen uns deshalb über Reaktionen wie Ihre, damit wir darüber diskutieren können, wie es in einer Demokratie selbstverständlich ist.

Mit freundlichen Grüßen aus Rio,
Carsten Thurau

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bluejax
Il, den 23. September 2007

Quellen und Links:
http://www.bluejax.net/2007/08/06/offener-brief-an-die-betreffende
-redaktion-und-deutsche-medien-%e2%80%93-kritik-an-marietta-
slomka-vom-heute-journal/
http://www.bluejax.net/2007/08/06/medien-manipulation-marietta
-slomka-vs-chavez-%e2%80%93-eine-heute-journal-moderatorin
-und-ihr-kampf-gegen-links/
http://www.bluejax.net/2007/08/09/fernsehen-in-venezuela-
manipuliertes-meinungsbild-%e2%80%93-diskussionen-uber-
einflussnahme-durch-die-usa/
http://www.bluejax.net/2007/08/02/medien-zwischen-macht-
manipulation-hugo-chavez-vs-rctv-%e2%80%93-venezuela-
die-westliche-presselandschaft/
http://de.wikipedia.org/wiki/Carsten_Thurau
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,2233762,00.html
http://www.bluejax.net/Antwort_thurau_heute-journal.pdf

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5 Responses »

  1. [...] « Überwachungsstaat Deutschland   [...]

  2. tja herr thurau, zwar nett, daß sie geantwortet haben, aber ich würde mal sagen: “6, setzen”
    nun gab es ja nicht nur einen brief/ eine mail ans zdf, sondern mehrere von verschiedenen leuten. es war nicht unbedingt der beitrag selber, der kritisiert worden ist, sondern die anmorderation von slomka. darauf wird in dem schreiben nicht eingegangen. und wie sehr sich das zdf für pressefreiheit und andere “bürgerliche freiheiten” einsetzt wurde ja jüngst wieder deutlich. gestern ein drei sekunden bericht über die demo gegen sicherheitswahn in berlin und minutenlanges politikergelaber zum thema. und berichte über radioschließungen der peruanischen regierung habe ich auch noch nicht gesehen. siehe hier
    .

  3. [...] [...]

  4. [...] Allerdings gibt es nun eine ausführliche Antwort des für die Beiträge verantwortlichen Südamerika-Korrespondenten des ZDF im Studio Rio de Janeiro, Carsten Thurau, die bei Bluejax unter dem Titel “Carsten Thurau beantwortet „Offenen Brief“ an die ZDF-heute-Journal-Redaktion!” veröffentlicht wurde. Darin gibt Carsten Thurau die Falschdarstellung der Vorgänge in Venezuela im ZDF zu. [...]

  5. * Experten-Meinung! *

    Der freie Journalist und Lateinamerika-Experte Harald Neuber, der für verschiedene Medienpublikationen über die politischen Entwicklungen in Venezuela berichtet, hat sich in seinem Presse-Watchblog auf amerika21.de ebenfalls mit der Antwort von Carsten Thurau auseinandergesetzt.

    Seine Einschätzung:

    Der Kollege Thurau antwortet zwar ausführlich auf den offenen Brief, in den entscheidenden Punkten aber gerät er ins Schlingern. Zur Erinnerung: Kritisiert wurde, dass “heute journal”-Moderatorin Marietta Slomka in der Anmoderation zu einem Beitrag über den privaten venezolanischen Fernsehsender RCTV unzulässig zugespitzt hatte. Einzelne Aussagen gingen in ihrer aggressiven Kritik an der venezolanischen Regierung sogar über die Darstellungen im folgenden Beitrag selbst hinaus. Kritisiert wurde auch, dass das ZDF-Journal die Nichtverlängerung einer staatlichen TV-Kanal-Lizenz mit der “Schließung” des Senders gleichgesetzt hat. Auf all dies geht Thurau nicht oder nur indirekt ein.

    Statt dessen gesteht er ein, dass es sich “formaljuristisch … nicht um eine Senderschließung” gehandelt habe. Trotzdem sei die Entscheidung der Regierung in Caracas “für mich ein klarer Angriff gegen die Pressefreiheit”. Ergo: Geschlossen wurde der Sender zwar nicht, wir sagen das aber trotzdem, weil das irgendwie unserem Eindruck entspricht.

    Soviel zur “journalistischen Sorgfaltspflicht”, auf die Thurau Wert legt. Was bleibt, ist eine verpasste Chance, die Fehler einzugestehen. Und die Frage natürlich, ob die Uneinsichtigkeit des Ressentiments (oder dem politischen Auftrag) Thuraus und seiner Redaktion geschuldet sind, oder deren Unkenntnis der Lage. Darauf weist der Bezug auf die “sonntägliche Sendung” von Hugo Chávez hin. Das Programm “Aló Presidente” heißt bei Thurau “Hóla Presidente”. Ein Titel, zwei Fehler. Immerhin aber bleibt er damit unter dem Fehlerdurchschnitt des inkriminierten Beitrags.

    Vielen Dank!

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