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Test: „Onlinedurchsuchung ohne richterlichen Beschluss“ - Agenda-Setting der Internet-Nachrichten-Seiten

By bluejax • Sep 4th, 2007 • Category: Gesellschaft, Medien, Politik

Top-Thema des 31. Augustes 2007 waren die Ideen rund um die Online-Durchsuchung. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, sorgte mit seinen Versuchen Deutschland in ein Big-Brother-Labor zu verwandeln seit Wochen für reichlich Aufregung in der Bevölkerung. Doch nicht nur in der Zivilgesellschaft, auch bei den zwischen Politik und Gesellschaft vermittelnden Medien herrscht seither helle Betriebsamkeit, angesichts des Überwachungsministers und seiner Pläne.

Die Medien sind insofern interessant, als dass sie einen enormen Einfluss auf die Bildung der Öffentlichen Meinung ausüben. Als Agenda-Setting-Funktion bezeichnet man den Umstand, dass die Massenmedien Ereignisse zu Nachrichten machen, indem sie darüber berichten. Damit rücken diese erst in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, man bestimmt quasi welche Themen auf die Agenda der Gesellschaft rücken.

Versuch: Wer widmet wann wie viel Aufmerksamkeit?!

Am vergangenen Freitag habe ich mir einmal mehrere Deutsche Nachrichtenseiten im Internet angeschaut, um mich dort über die Berichterstattung zum Thema „Onlinedurchsuchung ohne richterlichen Beschluss“ zu informieren. Dabei fand ich es äußerst interessant zu beobachten welch unterschiedliche Aufmerksamkeit diesem Thema auf den verschiedenen Seiten zugestanden wurde.

Spiegel.de

Als erste Station habe ich auf meiner Tour Spiegel-Online besucht. Dort war das Thema um 11:12 Uhr absolutes Topthema.

Sueddeutsche.de

Ebenfalls um 11:12 Uhr habe ich dann Sueddeutsche.de aufgerufen. Auch dort stand das Thema ganz oben auf der Agenda.

Faz.net

Eine Minute später, um 11:13 Uhr entstand dann der nachfolgende Screenshot von Faz.net, auch hier fand sich Wolfgang Schäuble mit seinen Bestrebungen ganz oben.

Netzeitung.de

Zeitgleich (11:13 Uhr) berichtet auch die Netzteitung in ihrem Topartikel darüber.

Tagesspiegel.de

Und auch auf Tagesspiegel.de findet sich unser Überwachungsminister zu selben Zeit (11:13 Uhr) ganz oben wieder.

Zwischenstand

Soweit so gut. Scheinbar beschäftigen sich zu jenem Zeitpunkt alle großen Online-Nachrichtenmagazine mit der Thematik rund um Wolfgang Schäuble und seine Idee, man könnte Computer in Deutschland ja ohne richterliche Erlaubnis durchsuchen. Verwunderlich ist dies nicht, handelt es sich doch um Überlegungen, von denen nicht nur ein Großteil der Bevölkerung, sondern auch die Redakteure der verschiedenen Nachrichtenmagazine im Internet selbst betroffen sind.

Doch als ich dann um 11:16 Uhr auf den Internetseiten der Welt vorbeigeschaut habe, war ich etwas verdutzt. Denn erstmals in meinem kleinen Test fand sich hier das Thema „Online-Durchsuchungen“ nicht unter den Top-Artikeln wieder. Ganz im Gegenteil, man musste sogar ziemlich weit runterscrollen, bis man irgendwann einen kleinen bildlosen Teaser zu einem Artikel zum Thema finden konnte.

Welt.de

Focus.de

Ähnlich unwichtig scheint das ganze Theater des Herrn Schäuble auch Focus.de zu sein. Denn auch dort muss man erst ziemlich lange auf der Startseite suchen, bevor man dann irgendwann einmal einen kleinen unscheinbaren Hinweis auf einen Artikel zum Thema „Onlinedurchsuchung ohne richterlichen Beschluss“ findet (11:16 Uhr).

Fdt.de und heute.de

Zwei weitere Erhebungswellen, die eine 30 Minuten, die zweite 45 Minuten nach dem ersten Rundgang im Netz ergeben ähnliche Ergebnisse. Bei SpOn, SZ, FAZ, Netzeitung und Tagesspiegel bleiben die Artikel zum Thema „Onlinedurchsuchung ohne richterlichen Beschluss“ ganz oben auf der Agenda stehen. Auch ein Blick auf weitere Seiten wie heute.de (11:35 Uhr) oder den Internetauftritt der Financial Times Deutschland (11:24 Uhr) etc. ergibt, dass das Thema dort ebenfalls oberste Priorität besitzt.

Tagesschau.de

Auf Tagesschau.de widmet man sich gleichzeitig zwar unter den Topartikeln der Thematik der Onlinedurchsuchung, ein Artikel über die Überlegungen Onlinedurchsuchungen eventuell auch ohne richterliche Genehmigung durchzuführen findet sich aber weder um 12:04 Uhr, wie auch in den Minuten davor und danach nicht. Lediglich der Artikel „Wie funktioniert der Bundestrojaner“ ist auf der Startseite verlinkend aufgeführt.

Focus.de und Welt.de II

Und während sich um 12:09 Uhr auf Focus.de immerhin nun ein auffälliger Teaser zu entsprechenden Artikeln finden, ist das Thema bei Welt.de (12:11 Uhr) noch weiter nach unten gerutscht, als es zuvor ohnehin schon war. Es scheint, als ob die Idee der Onlinedurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss für die Redaktion von Welt.de keinerlei oder nur sehr geringen Nachrichtenwert besitzt.

Fazit

Damit beende ich meinen kleinen Stichprobenrundgang auf den Internetseiten der verschiedenen Online-Nachrichtenmagazine. Was dieser Artikel hier aussagen soll? Ich wollte lediglich aufzeigen, welche unterschiedliche Aufmerksamkeit einem (politischen) Ereignis in den Medien zuteil wird. Dabei habe ich noch nicht einmal den Inhalt der Artikel näher untersucht. Lediglich die Agenda-Setting-Funktion hat mich hier interessiert.

Das Ergebnis unterstützt meine Überzeugung, dass es äußerst fahrlässig ist, sich bei der Informierung über Nachrichten aus Politik und Gesellschaft nur auf eine oder wenige Publikationen zu verlassen. Ein Leser von Welt.de wird über die neuerlichen Gedankenspiele unseres Bundesinnenministers fast gar nicht hingewiesen, wohingegen andere Seiten wie Spiegel.de sich intensiv der Thematik widmen und ihren Rezipienten somit vermitteln, dass es ein wichtiges und sehr sensibles Thema ist, das dringender Diskussion und Aufmerksamkeit bedarf.

Wenn man bedenkt, dass sowohl die Welt, wie auch der Focus als Publikationen mit einer hauptsächlich konservativen Leserklientel auftreten, rückt hier die „Theorie der Kognitiven Dissonanz“ ins Auge, um das unterschiedliche Agenda-Setting zu erklären.

Theorie der kognitiven Dissonanz

Als Basishypothesen dieser Theorie besteht die Annahme, dass das Vorhandensein von Dissonanz auf den Menschen Druck ausübt, den dieser zu beseitigen oder zu reduzieren bestrebt ist. Dabei ergibt sich die Stärke des Drucks zur Dissonanzreduktion aus der Stärke der Dissonanz. Als Folge versuchen die Menschen aktiv dissonante Informationen und Situationen zu vermeiden (Seeking-and-Avoiding-Hypothese), was im Rezeptionverhalten bedeutet, dass man eine Selektion der Wahrnehmung vornimmt.

Dies bedeutet wiederum, dass sich die Rezipienten hauptsächlich mit Medien auseinandersetzen, welche die eigene Meinung und Weltanschauung unterstützen. In unserem Beispiel mit den Onlinedurchsuchungen bedeutet dies, dass konservativer Anhänger der CDU/CSU bewusst hauptsächlich die Internetseiten von Welt.de und Focus.de rezipieren, um weniger mit kritischen Artikeln über die von ihnen gewählten Volksvertreter konfrontiert zu werden.

Rezipienten bekommen, was sie bekommen wollen

Die Publikationen ihrerseits hingegen scheinen darauf bestrebt zu sein, die Vorstellungen und Wünsche ihrer Rezipienten zu befriedigen, weshalb sich erklären ließe, wieso die Thematik „Onlinedurchsuchung ohne richterlichen Beschluss“ auf Welt.de und Focus.de weniger stark im Blickpunkt steht, als bei anderen Online-Nachrichtenmagazinen, welche wiederum LeserInnen anderer politischer Überzeugungen bedienen.

Somit wird verhindert, dass die Leserschaft, die selber einer bestimmten politischen Richtung zuneigt, durch negative Nachrichten über ihre politischen Sympathieträger in einen Gewissenskonflikt gerät. Durch dieses Vorgehen, werden also die Leser – vereinfacht ausgedrückt - bei Laune gehalten und bekommen lediglich Informationen geliefert, die sich mit ihrer jeweiligen politischen Überzeugung vereinbaren lassen!

In Print- und TV-Publikationen können ähnliche Unterschiede festgestellt werden, wie auf den verschiedenen Online-Nachrichten-Seiten. Es scheint also ganz normal zu sein, dass man als Presseorgan den verschiedenen Nachrichten unterschiedliche Aufmerksamkeiten zukommen lässt. Abhängig ist dies immer von der jeweiligen politischen Grundausrichtung der Publikation.

Die Eigenverantwortlichkeit der Rezipienten

Verteufeln möchte ich dies an dieser Stelle nicht einmal, auch wenn eine objektive und angemessene Berichterstattung dadurch nicht wirklich zu 100 Prozent gewährleistet ist. Allerdings stützt dies auch meine Forderung, dass ein mündiger Bürger als Rezipient die Pflicht hat, sich nicht nur von einer Zeitung, von einem Fernsehsender oder von einem Nachrichtenportal informieren zu lassen.

Auch das Konsumieren von Publikationen, die lediglich die eigene Weltanschauung uneingeschränkt unterstützen ist alles andere als verantwortungsbewusst dem eigenen realitätsnahen Wissensaufbau gegenüber. Manchmal sollte man sich vielleicht auch gerade damit beschäftigen, wie Presseorgane, die eine konträre politische Grundhaltung besitzen, verschiedene Ereignisse bewerten. Denn eine allumfassende und auf den wirklichen Sachverhalten beruhende Meinungsbildung lässt sich nur durch das betrachten von vielfältigen Sichtweisen und objektiven Bildern gewinnen. Und dafür ist demzufolge jeder einzelne Rezipient für sich ganz alleine verantwortlich!

bluejax
Rottenburg, den 04. September 2007

Quellen und Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting
http://www.spiegel.de
http://www.sueddeutsche.de
http://www.faz.net
http://www.netzeitung.de
http://www.tagesspiegel.de
http://www.welt.de
http://www.focus.de
http://www.heute.de
http://www.ftd.de
http://www.tagesschau.de
http://www.focus.de
http://www.welt.de
http://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz
http://www.bluejax.net/2007/06/26/medienmacht-die-abhangigkeit
-der-rezipienten-%e2%80%93-mediale-emanzipation-kritische
-hinterfragung-als-ausweg/

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3 Responses »

  1. […] […]

  2. […]Das Thema ist alt und...ssiv einzuschränken?[…]

  3. […] Dass Wolfgang Schäuble in den vergangenen Wochen mit Forderungen nach Onlinedurchsuchungen aufhorchen ließ, verfestigt nur den Eindruck, dass die Überwachung mit der Vorratsdatenspeicherung noch lange nicht an ihrem Ende angelangt ist. Überlegungen, solche Durchsuchungen eventuell auch ohne richterlichen Beschluss durchzuführen erhärten den Verdacht, dass die verantwortlichen Politiker sich nicht um die Prinzipien eines freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaates kümmern und sich über Recht und Ordnung hinwegzusetzen bereit sind. […]

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