Trivialer Hedonismus: RTL sucht jetzt „Das Supertalent“ – Nächste Runde im Casting-Wahnsinn
By bluejax • Jun 18th, 2007 • Category: Gesellschaft, Medien, m.pressed (bluejax@mpress)Wer dachte so langsam sei das TV-Format “Castingshow” ausgereizt, der täuscht sich gewaltig. Die Fernsehsender sehen noch unzählige Möglichkeiten, mit neuen Castingshows den TV-Markt zu überfluten. Dabei geht es nur in den seltensten Fällen darum langlebige Stars und Sternchen aufzubauen. Vielmehr geht es darum die Kuh kurzfristig zu melken bis keine Milch mehr vorhanden ist. Doch Kühe scheint es zu geben, wie Sand am Meer!
Erst Der, dann Die, nun Das - Alles Super
Heute berichtete das Medienmagazin DWDL.de wiederholt von den Plänen des Privatsenders RTL. Demzufolge laufen dort die Vorbereitungen für die Ausstrahlung einer neuen Castingshow auf Hochtouren. Nach dem großen Erfolg in den USA soll “America`s Got Talent” von Erfolgsproduzent Simon Cowell nun auch in Deutschland starten. Der Name steht mittlerweile auch schon fest. Nach den Superstars und der Supernanny kommt jetzt: “Das Supertalent”.
Vorbild Daily-Talkshow
Alles erinnert an die Hochphase der trivialen Nachmittags-Talkshows. Nach den Erfolgen von Hans Meiser (RTL, 1992) und Ilona Christen (RTL, 1993) folgten Arabella Kiesbauer (ProSieben, 1994), Jürgen Fliege (ARD, 1994), Bärbel Schäfer (RTL, 1995), Johannes B. Kerner (Sat.1, 1996), Vera am Mittag (Sat.1, 1996), Sonja Zietlow (Sat.1, 1997), Jörg Pilawa (Sat.1, 1998), Andreas Türck (ProSieben, 1998), Birte Karalus (RTL, 1998), Nicole Noevers (ProSieben, 1999), Sabrina Staublitz (RTL, 1999), Oliver Geissen (RTL, 1999), Ricky Harris (Sat.1, 1999), Peter Imhof (Sat.1, 2000), Franklin (Sat.1, 2000), Tobias Schlegl (ProSieben, 2001), Britt Hagedorn (Sat.1, 2001). (Quelle: Wikipedia)
Berücksichtigt man, dass Pilawa einst die Nachfolge von Kerner und Imhof wiederum die Nachfolge von Pilawa angetreten und Hagedorn wiederum Zietlow ersetzt hatte und zieht diese drei von der Liste ab, dann haben wir summa Sumarum sage und schreibe 16 verschiedene Talkshows, die im Laufe der Jahre tagtäglich ausgestrahlt wurden. Die Lebenserwartungen der Sendungen nahm im Laufe der Zeit und mit jeder weiteren Talkshow kontinuierlich ab. Mittlerweile hat sich diese wahre Inflation von trivialer Talkshow-Unterhaltung auf einem „gesunden“ Maß eingependelt. Heute sind nur noch zwei dieser Talkshows auf Sendung, Geissen und Hagedorn.
Die Zeit der Gerichte
Doch kaum neigte sich die glanzvolle Ära der Talkshows dem Ende zu, da erlebte Fernsehdeutschland auch schon eine neue Epoche: Die der Gerichtsshows! Auch hier gab es wieder eine erfolgreiche Sendung. Diesmal war es das ZDF, das 1999 neuen Boom im Fernsehen auslöste.
Zwar strahlten die öffentlich-rechtlichen Anstalten schon seit den 1960er Jahren diverse Gerichtsshows aus, aber erst mit „Streit um Drei“ wurde die große Welle 1999 los getreten. Es folgten „Richterin Barbara Salesch“ (Sat.1, 1999), „Das Jugendgericht“ (RTL, 2001), „Richter Alexander Hold“ (Sat.1, 2001), „Das Strafgericht“ (RTL, 2002), „Das Familiengericht (RTL, 2002), „Kirstin Erl“ (RTL, 2001). (Quelle: Wikipedia)
Im Gegensatz zu den Daily-Talkshows, die sich (abgesehen von Fliege in der ARD) über die drei größten privaten TV-Sender in Deutschland ausstreckten, hielt sich ProSieben bei der Epoche der Gerichtsshows zurück. Somit waren es lediglich RTL und Sat.1, die auf die Welle aufsprangen und die deutsche TV-Landschaft mit inszenierten Justizfällen überschwemmten. Doch auch dieses TV-Format fand – diesmal schneller als bei den Talkshows – irgendwann sein jähes Ende. Zwar sind die meisten Gerichtsshows auch heute noch auf Sendung, allerdings scheint der Höhepunkt schon längst überwunden zu sein.
Es folgt die Ära der Talente
Nun also die Castingshows. Und auch hier ist eine inflationäre Entwicklung bei den TV-Sendern zu beobachten. Den Anfang machte anno 2000 RTL2 mit Popstars (später ProSieben). 2002 zog RTL mit der deutschen Adaption von „Pop-Idol“ („Deutschland sucht den Superstar“) nach. Sat.1 folgte 2003 mit „Star Search“. Und auch ProSieben warf 2003 mit „SSDSGPS“ und 2006 mit „Germany`s Next Topmodel, seinen Hut in den Ring. (Quelle: Wikipedia)
Das besondere an diesem TV-Format, das ob seines enormen Erfolges meistens in der Primetime zu finden ist, ist die langfristige und zyklische Auswertung. Ist eine Staffel am Ende und das Gewinnertalent gekürt, laufen bereits die Vorbereitungen für die darauf folgende Staffel auf Hochtouren.
Ausweitung der Verwertungskette
Das interessante an all den Castingshows ist, dass das Format eine langfristige und crossmediale Auswertung („Ausschlachtung“) erlaubt. So kann auch nach Ablauf der TV-Ausstrahlung mit den Rechten Geld verdient werden. Es lassen sich etwa über Platten- und Buchverkäufe, Merchandising, Konzerte, Zeitschriften etc. weiterhin auch abseits des Fernsehmarktes enorme Gelder generieren. Eine Castingsshow im „richtigen“ Senderverbund kann sich somit zu einer wahren Goldgrube für alle am Sender beteiligten Unternehmen entwickeln.
Bestes Beispiel hierfür ist sicherlich „Deutschland such den Superstar“ (DSDS) auf RTL. Neben der Ausstrahlung eines DSDS-Magazins auf dem der Senderfamilie angehörenden Sender VOX profitieren auch die Anteilseigner von RTL-Television vom enormen Erfolg der Castingshow. So sind hier auch die zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Unternehmen Gruner+Jahr (Zeitschriftenverlag) und SonyBMG (Musiklabel) mit in die Auswertungskette integriert.
Gut gedacht, doch schlecht gemacht!
Doch längst hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass es den Fernsehsendern und den verantwortlichen Unterhaltungschefs nicht mehr zentral um den Aufbau einer langjährig ausmelkbaren Superkuh geht. Vielmehr hat man bei den Sendern den kurzfristigen Quotenerfolg im Auge. Statt seriöse und qualitative Musiker aufzubauen, vertraut man lieber auf Dieter Bohlen und Bildzeitung und begibt sich auf One-Hit-Wonder-Niveau.
Dieses für den Sender durchaus erfolgreiche Konzept wird man bei RTL sicherlich auch nicht beim neuesten Castingwahnsinn aufgeben. “Das Supertalent”, so der Name der neuesten Prime-Time-Zirkuses, soll ab Herbst 2007 auf RTL laufen und möglichst an den Erfolg von DSDS anknüpfen.
Welthandel der TV-Formate
In den USA und zuletzt auch in Großbritannien war diese neueste Castingveranstaltung ein wahrer Straßenfeger. Kein Wunder also, dass dieses TV-Format in einer Zeit der televisionären Einheitsglobalisierung nun auch in Deutschland angekommen ist. Die Rechte hält hierzulande Grundy Light Entertainment, die sich auch schon für DSDS und Star Search verantwortlich zeigten.
Erfolgsversprechend ist die Idee von „Supertalent“ allemal, geht es doch auch bei den etablierten Musikcastingshows nicht nur um die gesangliche Qualität, sondern immer mehr auch um das Affentheater von unqualifizierten Bewerbern. Insofern können sich alle sensationslüsternen und schadenfrohen Fernsehjunkies freuen. Denn gesucht sind diesmal „Talente aller Art, egal ob Akrobat oder Comedian, Tänzer oder Feuerschlucker, Bauchredner oder Stripper“. Es zeigt sich immer mehr: Im Boomformat Castingshow stecken viele Elemente, die auch einst schon den Daily-Talk ausmachten.
Sinus-Milieu-übergreifendes Trash-TV
Deutsche Durchschnitts-Couch-Potatoes dürfen sich also darauf verlassen, dass ihre Sucht nach Bitte-Lächeln-Inhalten durch „Supertalent“ sicher befriedigt werden wird. Keine Angst, es werden sich wieder unzählige Menschen finden, die sich vor einem gierig sabbernden Millionenpublikum zum Affen machen werden. Laut DWDL sei zwar für RTL die Qualität der Talente „entscheidend“, ob dies allerdings im positiven oder aber im negativen Sinne gemeint ist, darüber lassen sich derzeit keine verlässlichen Informationen finden.
Aber vielleicht täusche ich mich auch und uns erwartet, allen Befürchtungen zum Trotz, ein qualitativ hochwertiges und intellektuell anspruchsvolles TV-Format, dass weder durch penetrante Call-In-Aufforderungen, noch durch, an die niederen Instinkte appelierenden, TV-Inhalte und eine bildzeitungstaugliche Jury auffällt. Wer weiß, vielleicht werden wir ja alle positiv überrascht und Fernseh-Deutschland bekommt, auf was es immer schon gewartet hat.
Täuschungsobjekt Fernsehzuschauer
Die britische Ausgabe „Britains got Talent“ ist übrigens am gestrigen 17. Juni erfolgreich zu Ende gegangen. Gewonnen hat Paul Pott, ein Handyverkäufer aus Wales, der nicht dem von Hochglanzmagazinen vorgegebenen Schönheitsideal entspricht und mit seiner Opernstimme Arien zum Besten gegeben und die Menschen zu Tränen gerührt hat. Ein modernes Märchen von Aschenputtel und dem verdienten Erfolg. Nicht ganz: Wie vor einigen Tagen aufgedeckt wurde, ging Pott bei den Meistern seines Fachs in die Schule, bei Luciano Pavarotti, Vilma Vernocchi und Katia Ricciarelli. Es scheint also auch weiterhin das gleiche zu bleiben: Es zählen nur Quoten, Werbeeinnahmen und das beliebige Spiel mit dem Zuschauer. Dieser hat es aber auch wirklich nicht anders verdient!
bluejax
Il, den 18. Juni 2007
Quellen und Links:
http://www.dwdl.de/article/news_11295,00.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Talkshow
http://de.wikipedia.org/wiki/Gerichtsshow
http://de.wikipedia.org/wiki/Casting-Show
http://www.20min.ch/unterhaltung/sounds/story/28304439
Bildquellen:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/d/d3/
RTL_Television_Logo.PNG
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Das wird großartig!
In Amerika sitzt kein geringerer als David Hasselhoff (der große David “Mitch” Hasselhoff) in der Jury. Wen nehmen wir denn da in Deutschland? Helmut Kohl denkt doch auch von sich, daß er die Wende ´90 ausgelöst hat…
http://en.wikipedia.org/wiki/America%27s_Got_Talent
Hmmmm, Mitch is natürlich schon ne Nummer, da kann man nur schwerlich mithalten. Aber irgend `n B-, C-, oder D-Promi wird sich schon übereden lassen.
Würd mich net wundern wenn es dieser Giovanni von Bro`Sis wird. Ich hab letztens mal in das NFL-Europa-Magazin vom DSF reingeschaut. Als “Experte” war dieser Giovanni geladen. Der Grund: Er hatte sich letztens mal ein Football-Spiel angeschaut… *kein Kommentar*
Im Notfall wirds halt Assi-Toni… obwohl, der wird sicherlich selbst dran teilnehmen… und womöglich auch noch gewinnen!
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Wow, ich bin beeindruckt. So viel Text, ohne wirklich etwas Neues zu schreiben. Nichts, was nicht schon mindestens ein dutzendmal in anderen Blogs und Zeitungskommentaren geschrieben wurde seit Einführung der Castingshows vor vielen Jahren…
Am besten fand ich den Satz: “Vielmehr hat man bei den Sendern den kurzfristigen Quotenerfolg im Auge”. Das ist ja mal eine Erkenntnis!
@ viewer
Dankeschön! Weißt Du, da bin ich dann wohl nicht viel anders als die Senderverantwortlichen: Reichlich unreativ! Aber glaube mir, solange dieser TV-Trash weiterhin ein ums andere Mal wiederholt wird, ohne dass sich qualitativ etwas ändert, solange wirst Du solche oder ähnliche Kommentare auch immer wieder aufs Neue zu lesen bekommen! Schlimm?
Nö. Hatte nur nach dem Lesen Deines Eigenwerbungs-Kommentars bei TVBlogger.de gehofft, dass da jemand mal etwas anderes zu erzählen hat, als diese Hobbyautoren. Wahrscheinlich resultierte mein Zynismus aus der Enttäuschung heraus, dass dies nicht der Fall ist. Von daher: Nö, nicht schlimm - nur auch nicht so dolle, dass ich nochmal vorbei klicken würde…
@ viewer
Ging eigentlich weniger um Eigenwerbung, als vielmehr um eine Diskussion über das “neue” Castingsformat (zu dem ich leider keinen Artikel bei TVBlogger.de gefunden habe) und meine Meinung insgesamt.
Schade, dass ich Dich enttäuscht habe! Aber gerne können wir über eine Diskussion hier neue Aussagen/Aufassungen oder dergleichen austauschen. Vielleicht hast Du ja neue Sichtweisen oder wir finden sie gemeinsam?!
DSDS fand ich ja schon schlimm, aber RTL schafft es immer wieder mich zu überraschen, in negativer Hinsicht und während Supertalent läuft, ist bestimmt schon DSDS staffel 143 in Planung
[…] In einer Zeit, in der „Trivialer Hedonismus“ zum Gesicht der medialen Gesellschaft gehört, haben die bunten Nachrichtenmagazine bei Sat.1 lediglich versucht, die Welt in etwas einfacheren und bunteren Worten wiederzugeben, als es andere Sender vermocht hatten. Gleichzeitig haben sie damit eine Zielgruppe erreicht, die es als angenehm empfand auf diese Weise über die aktuellen Geschehnisse aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft informiert zu werden. Besser als nichts möchte man sagen! […]
[…] In einer Zeit, in der „Trivialer Hedonismus“ zum Gesicht der medialen Gesellschaft gehört, haben die bunten Nachrichtenmagazine bei Sat.1 lediglich versucht, die Welt in etwas einfacheren und bunteren Worten wiederzugeben, als es andere Sender vermocht hatten. Gleichzeitig haben sie damit eine Zielgruppe erreicht, die es als angenehm empfand auf diese Weise über die aktuellen Geschehnisse aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft informiert zu werden. Besser als nichts möchte man sagen! […]
Also als schlimm würde ich das jetzt nicht darstellen. Ich meine..die Kandidaten wissen mittlerweile wirklich vorher, worauf sie sich einlassen. Wenn nicht: selbst Schuld. Was ich nur wirklich etwas doof finde ist, dass die neuen “Superstars” gar keine Chance haben sich am Markt zu entwickeln, weil einfach viel zu schnell die neue Staffel ins Rennen geschickt wird. Aber so ist das halt: Die Quote zählt, mehr nicht.