Die Welt zelebriert Vista – PR versus Journalismus
By bluejax • Feb 1st, 2007 • Category: MedienPublic Relations (PR) und Journalismus, wo fangen sie an, wo hören sie auf? Die Grenzen sind fließend. Jeden Tag versenden die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit aller Unternehmen Unmengen an Pressemiteilungen an Redaktionen. Wie verschiedene Untersuchungen belegen, landet zwar der Großteil der Meldungen im Papierkorb. Dennoch schaffen es aber immer noch viele in die verschiedenen Pressepublikationen und werden veröffentlicht.
Wer einen Blick in die gestrige Ausgabe der Welt wirft, der wird etwas Interessantes zu sehen bekommen. Auf der Titelseite prangt ein großes Foto des Taj-Mahal-Tempels in Indien, in dessen Vordergrund in Orange gekleidete TänzerInnen auftreten. Neben diesem Bild steht in dicken Lettern die Überschrift „Microsoft feiert den Verkaufsstart von Windows Vista“.
Ein Beispiel für gute PR-Arbeit & strittigen Journalismus
Was genau versteht man unter Public Relations? Ein Blick auf die Internetseiten der „Deutsche Public Relations Gesellschaft“ (DPRG) gibt uns folgende Definition:
Öffentlichkeitsarbeit/ Public Relations vermittelt Standpunkte (…) um den politischen, den wirtschaftlichen und den sozialen Handlungsraum von Personen oder Organisationen im Prozess öffentlicher Meinungsbildung zu schaffen und zu sichern.
Öffentlichkeitsarbeit/ Public Relations plant und steuert dazu Kommunikationsprozesse für Personen und Organisationen mit deren Bezugsgruppen in der Öffentlichkeit.
(…)Sie vertritt die Interessen ihrer Auftraggeber (…). Sie soll Öffentlichkeit herstellen, (…)
(Quelle: dprg.de)
Auf Unternehmen bezogen heißt dies nichts anderes, als dass PR-Abteilungen versuchen, das Unternehmen, sein Image oder seine Produkte in der Öffentlichkeit zu positionieren. Es geht darum Aufmerksamkeit zu bekommen und die Art der Bewertung nach den eigenen Vorstellungen zu lenken.
Um an die Öffentlichkeit zu gelangen bedient man sich dabei gerne der Presse, die als Instrument für die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit agiert. Man schreibt also u.a. Pressemeldungen, schickt sie an die Redaktionen und hofft, dass die wichtigen Informationen aufgegriffen und veröffentlicht werden. Gute Pressemeldungen, so heißt es, werden direkt übernommen und als Artikel abgedruckt.
Selbstverpflichtung der Journalisten
Der Deutsche Presserat wiederum hat in Zusammenarbeit mit den Presseverbänden 1973 den so genannten Pressekodex beschlossen. In dieser freiwilligen Selbstverpflichtung heißt es bereits in der Präambel:
(…) Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewusst sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr. (…)
Desweiteren heißt es in Ziffer 7, unter „Trennung von Werbung und Redaktion“:
Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein. (Quelle: presserat.de)
Zusammengefasst bedeutet dies, dass sich Journalisten die Regel auferlegt haben, sich nicht „bestechen“ zu lassen und sich ihrer verantwortungsvollen Rolle als Vermittler von Informationen in der Öffentlichkeit bewusst sind.
Der schmale Grad der Zusammenarbeit
Nun, wir sehen, PR und Journalismus verfolgen offiziell völlig konträre Ziele. Die PR möchte eigene Informationen in der Presse platzieren und die Journalisten möchten sich nicht missbrauchen lassen, sondern „frei“ und unabhängig tätig sein. So jedenfalls in der Theorie. In der Praxis gibt es allerdings durchaus ein Miteinander. Journalisten greifen gerne auf Informationen aus Unternehmen zurück. Besonders für den Wirtschaftsteil bietet sich dies ja auch an. Allerdings bedeutet dies nicht, dass Angaben und Daten ungeprüft übernommen werden dürfen.
Kommen wir damit zurück zur heutigen Ausgabe der Welt. Als ich die Titelseite gesehen hatte dachte ich zuerst: „Wow, tolles Bild!“ Als ich dann aber erfuhr, dass das Foto den Verkaufsstart von Windows Vista zelebriert bekam ich schon ein sehr mulmiges Gefühl. Dazu der nebenstehende Artikel in dessen dicker Überschrift sowohl die Wörter Microsoft, als auch Windows Vista auftauchen, verstärkte dieses Gefühl. Denn was frage ich mich, hat diese Information auf der Titelseite einer renommierten Tageszeitung zu suchen?
Werbewirksames Platzieren
Gut, es könnte durchaus eine Information darstellen, die die Leser interessiert. Allerdings hätte ich es feinfühliger gefunden, wenn man Artikel und Bild, dem Thema entsprechend, in den Wirtschaftsteil der Welt gepackt hätte. Durch das aufmerksamkeitswirksame Platzieren auf der Titelseite hingegen, entsteht bei mir der subjektive Eindruck, dass hier mehr werbewirksam als redaktionell gedacht wurde.
Wie gesagt, es ist immer ein schmaler Grad, den Journalisten, Verleger und Redakteure beschreiten. Allerdings müssen sie sich dabei immer ihrer journalistischen Sorgfaltspflichten bewusst sein. Ihre Stellung bei der Bildung der Öffentlichen Meinung erfordert enormes Verantwortungsbewusstsein. Und in diesem Zusammenhang sehe ich besagten Welt-Artikel als äußerst kritisch an. Zum einen, wegen der aufmerksamkeitsstarken Positionierung auf dem Titelblatt, aber auch wegen dem Inhalt selbst. Im Artikel heißt es nämlich unter anderem:
„Die besten sechs Milliarden Dollar, die ich je investiert habe“, sagte Microsoft-Gründer Bill Gates. (…) Vista ist im Vergleich zu Windows XP sicherer, sein Erscheinungsbild ist ansprechender. Vor allem aber erleichtert Vista den Umgang mit Fotos, Videos und Musik.
PR schlägt Journalismus
Ein Glück für jedes Unternehmen, wenn eine Produkteinführung solche Beachtung und Lobgesänge in der deutschen Presse findet. Glück? Vielmehr gute Arbeit der PR-/Öffentlichkeitsabteilung von Microsoft! Und spätestens seit ich die Paxiswerkstatt „PR für Global Player“ belegt habe, sehe ich bei solchen Artikeln etwas kritischer hin. Damals brachte uns eine kompetente Dame von Daimler-Chrysler die Kniffe der PR etwas näher und verschaffte uns einen kleinen Eindruck davon, mit welchen Methoden man sich als Unternehmen die Arbeit der Presse zunutzen machen kann.
In diesem Artikel der Welt sehe ich ein sehr gutes Praxisbeispiel dafür. Ein gutes Beispiel für gute PR. Aber gleichzeitig auch ein gutes Beispiel für schlechte Pressearbeit. Zumindest in meinen Augen!
bluejax
Il, den 01. Februar 2007
Siehe dazu auch:
Part 1 // Serie zu Öffentlich...r – Die Öffentliche Meinung
Part 2 // Serie zu Öffentlich... Phänomen der Schweigespirale
Part 3 // Serie zu Öffentlich...– Die Rolle der Massenmedien
Quellen und Links:
http://www.welt.de/
http://www.dprg.de/statische/itemshowone.php4?id=39
http://www.presserat.de/pressekodex.html
http://www.bluejax.net/2006/03/13/part-1-serie-zu-offentlicher
-meinung-und-springer-%e2%80%93-die-offentliche-meinung/
http://www.bluejax.net/2006/03/13/part-2-serie-zu-offentlicher
-meinung-und-springer-%e2%80%93-das-phanomen-der-
schweigespirale/
http://www.bluejax.net/2006/03/13/part-3-serie-zu-offentlicher
-meinung-und-springer-%e2%80%93-die-rolle-der-massenmedien/
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Wer sich die aktuellen Webcasts von Microsoft direkt ansieht, der weiß auch, dass Microsoft sich auch sehr gut selbst vermarktet… und zwar durch das Internet.
http://www.microsoft.com/events/executives/billgates.mspx
Aber wer sich den 1 stündigen Thread anschaut, der weiß, dass solche Werbekampagnen hier in Amerika vielleicht ankommen könnten. Für Deutsche Verhältnisse ist das jedoch etwas zu übertrieben. Hier wird Microsoft schon fast wie ein Wundermittel gegen Krebs verkauft… denn es hat so vielen Menschen weltweit bereits so sehr “geholfen”.
[…] fast einem Jahr zelebrierte „Die Welt“ ein bekanntes PC-Betriebssystem, heute kämpft Welt.de gegen die aufkeimenden Sympathien für einen US-amerikanischen […]