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Sub Marcos im Interview: Die Kraft von Unten – Über Atenco, Politiker und die Medien

By bluejax • Mai 14th, 2006 • Category: Gesellschaft, Helden, Lateinamerika, Medien, Politik, Ya Basta en Mexico!

Subcomandante Marcos, der sich im Rahmen der „Anderen Kampagne“ mittlerweile auch Delgado Zero (Delegierter Null) bezeichnet, gab nach den Ereignissen in San Salvador Atenco sein erstes Presseinterview seit 5 Jahren.

Das Interview erschien am 09. Mai im „La Jornada“ und wurde von Hermann Bellinghausen durchgeführt.

Mexiko: Probleme, Krisen und Konflikte

Mexiko befindet sich seit mehreren Jahren schon in einer angespannten Phase. Diese Lage scheint sich in den letzten Monaten vor der anstehenden Präsidentschaftswahl im Juli 2006 zu einer wahren Krise auszuweiten.

Wie bereits berichtet, fanden in den vergangenen Tagen in der Stadt San Salvador Atenco, im Bundesstaat Mexico gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Staatsgewalt und den Bürgern Mexikos statt.

Sub Marcos geht in dem Interview zum einen auf die Politik und Politiker in Mexiko sowie auf die Ereignisse in Atenco ein. Aber er kommt auch auf die aktuelle Berichterstattung der mexikanischen Medien zu sprechen und hat Kritik an deren Position auszusetzen:

„Die Massenmedien wollen das, was sie in der Krise des Nationalstaates gewonnen haben nicht kampflos verlieren. Vorher regierte die politische Klasse die Medien, später in dieser Krisenperiode, regierte sie mit den Medien, und nun wird sie von ihnen regiert. Das heißt, kein kommerzielles Massenmedium wird es zulassen, dass die politische Klasse aus der Reihe tanzt. Sie sollen gehorchen und sich an die Linie halten, die für sie markiert ist. Und wenn AMLO oder Calderón, oder Madrazo, oder Patricia Mercado, oder Dr. Simi, wenn irgendeiner von ihnen aus der Reihe tanzt und versucht ohne die Medien Entscheidungen zu treffen, dann werden sie in die Enge getrieben.“

Mexiko – Deutschland

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich auch, dass man hier in Deutschland kaum etwas von den momentanen Ereignissen in Mexiko mit bekommt. Hätte ich nicht den Chiapas98-Newsletter abonniert und würde mich aufgrund meines persönlichen Interesses für Süd und Lateinamerika nicht verstärkt nach Informationen aus diesen Gebieten umsehen, so hätte ich wohl gar nichts davon mitbekommen.

Die Macht der Meinungsbildung

Marcos selber kritisiert ebenfalls, dass die Medien, die Macht besitzen, bestimmte Neuigkeiten auf die Agenda zu setzen und andere dem Vergessen Preis zu geben. Aber nicht nur das, mit ihrem Einfluss auf die Auswahl der Bilder und die Formulierung ihrer Worte besitzt die Presse – nicht nur in Mexiko, sondern überall – die eigentliche Macht und könnte auch in gewissem Maße als herrschende Instanz gesehen werden.

Marcos kritisiert allerdings nicht, dass der politische Gegner zu großen Einfluss auf die Medien ausübt und damit die Art und Weise der Berichterstattung zu seinen Gunsten beeinflusst, sondern vielmehr dass die Medien sich von sich aus auf „die andere Seite“ geschlagen haben und aus freien Stücken eine verzerrte Darstellung der Ereignisse ausüben würden.

Medien und Politik – Erfundene Realität

Marcos zufolge verbrüdern sich die Massenmedien vielmehr mit der politischen Klasse, da beide aufeinander angewiesen wären:

“ Wenn sie sich mit der politischen Klasse einlassen, geben die Medien ihre kritische, fragende Haltung auf, die alle Medien haben müssen, und verwandeln die Kommunikation in ein Austausch von Meinungen. Heute kommentieren die politischen Kolumnisten nur noch was andere Massenmedien sagen, nicht das wirkliche Geschehen. Das geht bis zu dem Punkt, an dem die Realität neu erfunden wird, wie mit Atenco.”

Aber nicht nur die Medienlandschaft hat in den Augen des Delegierten Null das Vertrauen nicht verdient, sondern auch die Kandidaten, die sich um das höchste Amt des Staates Mexiko bewerben.

Egal ob Rechts oder Links: Politiker ohne Format?!

Wie „La Jornada“ berichtet, sieht Marcos in keinem der Präsidentschaftskandidaten eine ehrliche und wirkliche Lösung der mexikanischen Probleme. „Madrazo schlage eine unmögliche Rückkehr zur kriminellen Vergangenheit vor; Calderón würde den Faschismus etablieren, der die Armee und die Polizei auf die Strasse loslassen wird, und López Obrador ein Staat, der dem Kapitalismus dient (ganz gleich was die Linke behauptet), durch die Errichtung einer neuen autoritären Struktur, welche die Probleme der Unteren nicht löst.“

Dabei scheint es egal zu sein, ob man nun die Rechten oder die Linken nähme. Weder die eine, noch die andere Strömung würde eine wahre Entwicklung zum Positiven bringen:

“ Wir mussten klarstellen, dass die gesamte politische Klasse in dieses Spiel eingespannt ist, dass man zwar so lange zwischen ihnen unterscheiden kann wie man will, aber nichts davon sich in einem echten politischen Vorschlag umsetzen lässt. Worin besteht der Unterschied, ob Calderón ein Hitler in der Mache ist, Madrazo ein Verbrecher und López Obrador ein Betrüger? Ob der eine klaut und der andere nicht? Welchen Unterschied macht das, wenn die Zerstörung unseres Landes letztlich die gleiche ist? Das überträgt sich nicht in einem konkreten Unterschied. Wenn die Andere Kampagne also sagt “wir werden nach Unten blicken”, tritt alles was Oben passiert in den Hintergrund.

(…)

Gesetze, die fundamental die nationale Souveränität bedrohen, wurden einstimmig von allen politischen Parteien gemeinsam bewilligt.“

Die Alternative kommt von Unten!

Im Gegensatz dazu sieht Sub Marcos in der Anderen Kampagne eine wahre Alternative. Mit Hilfe dieser Bewegung könnte ein ziviler, friedlicher und gewaltfreier Wechsel möglich sein. Deswegen reist er auch durch ganz Mexiko, um für die Unterstützung der Anderen Kampagne zu werben und neue Bündnisse zu schließen

Die Aufgabe: Das Sichtbarmachen der Probleme

Behauptungen, dass die EZLN und die Andere Kampagne für die Konflikte und Unruhen in Mexiko verantwortlich wären weist er entschieden zurück:

“Die Konflikte sind bereits da. Die Andere Kampagne macht sie sichtbar”.

Die Bewegung würde also nicht die Konflikte selber auslösen, sondern lediglich aufweisen, an welchen Stellen in Staat und Gesellschaft diese Probleme und Fehler bereits bestünden.

Unorganisiert – Erschaffung einer eigenen Welt

Auch in den vergangenen Tagen aufkommende Anschuldigungen, die Andere Kampagne hätte die Ereignisse in San Salvador Atenco bewusst ausgelöst streitet der Delgado Zero ab und betont, Wenn das stimmen würde (…), wäre der Widerstand “besser verlaufen”.

Auch hier verweist er wieder auf die Massenmedien, die seiner Meinung nach die Richtung der Bewertung dieses Konfliktes in der Öffentlichkeit maßgeblich verfälscht und zu Ungunsten der Anderen Kampagne beeinflusst hätten. Vielmehr hätten die Medien selber eine eigene Version der Ereignisse konstruiert, „die von den Menschen von Unten in keiner Weise geglaubt wurde.“

“Es stimmt nicht, dass ich überall wo ich hinkomme Konflikte verursache. Wir würden diese Unterhaltung dann überhaupt nicht hier führen, wir würden im Schloss von Chapultepec reden.”

Die Medien und San Salvador Atenco

Die Ereignisse in Ateno und die Berichterstattung darüber beschreibt Subcomandante Marcos wie folgt:

“Ich hab mir alles im Fernsehen angesehen, Radio gehört, und da hieß es nur “räumt mit ihnen auf”. Bei dem Marsch haben wir Chapingo mit 1000 Menschen verlassen, und kamen in Atenco mit 5000 an. Wo sind diese 4000 hergekommen? Es sind Menschen von hier. Der Marsch ist auf keinerlei Ablehnung gestoßen.

Im Gegenteil, es gab Zustimmungsbekundungen. Das haben wir schon auf dem Marsch von 2001 gesehen, als die Medien über Frieden redeten und so weiter, und die Menschen anfingen herauszukommen um die EZLN und die Indigenas zu begrüßen, in Widerspruch zu den Medien.

(…)

Die Entwicklung, so wie ich sie auf TV Azteca gesehen und im Radio gehört habe, lief folgendermaßen. Als es zur ersten Konfrontation kam, das heißt, als die Polizei anfing durchzudrehen, fingen die Nachrichtensprecher an zu sagen “Wie ist das möglich? Schickt die Polizei rein!” Sie riefen lautstark zu einer gewaltsame Aktion gegen Atenco auf.

Dann erfolgte der Polizeiangriff, und man kriegte in den Medien nur Bilder zu sehen, auf denen Atenco-Bewohner, die Polizisten schlagen, und nichts von dem was die Polizisten taten. Dass die Medien zu diesen repressiven Maßnahmen aufgehetzt hatten, wurde nie zur Sprache gebracht. Die Sprecher sagten “Wir können nicht zulassen, dass unser Publikum so etwas sehen muss (obwohl sie ja die Bilder selbst herumzeigten), die Autorität muss intervenieren, und hart durchgreifen um Ordnung zu schaffen”. Dann lasen sie zwei Zuschauerbriefe vor, die fragten “wie kommen Sie dazu so etwas zu fordern? Wenn die Polizei reingeht, wird alles noch schlimmer?”, und daraufhin lasen sie in der Sendung dann überhaupt keine Briefe mehr vor, weil die sich alle gegen ihre Berichterstattung richteten.“

Politiker nutzen die Stunde zu ihren Gunsten aus

Sub Marcos kritisiert auch, dass alle Politiker während und auch nach den Ereignissen in San Salvador Atenco versuchten, die Geschehnisse zu ihren Gunsten zu nutzen und in ihren Wahlkampf mit einzubinden. Dabei schien es vielen erst einmal am wichtigsten sich selber heraus zu halten und sich den Massenmedien anzuschließen und die Andere Kampagne dafür verantwortlich zu machen.

“Jetzt heißt es für alle Politiker nur noch “Marcos und die EZLN werden das kapitalisieren, und so weiter”. Worauf Marcos sagte “Ich werde hier bleiben, und das tun, was ich bisher nicht getan habe, nämlich Interviews geben”.

Und wie dieses Interview, das im „La Journada“ erschienen ist und von Hermann Bellinghausen mit dem Delegierten Null durchgeführt wurde zeigt, löst Marcos sein Versprechen auch gleich ein. Seinen Worten nach ginge es ihm dabei allerdings nicht darum, den Konflikt zu seinen Gunsten auszunutzen, als vielmehr darum, mit Lügen, Anschuldigungen und falschen Unterstellungen aufzuräumen.

Bluejax bekam die deutsche Übersetzung dieses ersten Teiles des Interviews über den Chiapas98-Newsletter zugesandt.

bluejax
, den 14. Mai 2006

Quellen und Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Subcomandante_Marcos
http://www.bluejax.net/2006/05/08/ya-basta-solidaritat
-mit-der-bevolkerung-mexikos-%e2%80%93-gegen-
willkur-und-menschenrechtsverletzungen/
http://es.wikipedia.org/wiki/Hermann_Bellinghausen
http://www.bluejax.net/2006/05/09/mexiko-ezln-erklart
-den-roten-alarm-%e2%80%93-verletzte-tote-
vergewaltigungen-und-falsche-tv-bilder/
http://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/chiapas98

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2 Responses »

  1. [...] Vor einigen Tagen gab es bereits den ersten Teil des Interviews, das der Journalist Hermann Bellinghausen nach dem Aufruhr in San Salvador Atenco mit Subcomandante Marcos führte. [...]

  2. [...] Außerdem genießt Obrador, obwohl als Kandidat der Linken angetreten, nicht das volle Vertrauen der Linken in Mexiko. So distanzieren sich etwa die EZLN und die Andere Kampagne unter ihrem Sprecher Subcomandante Marcos von Obrador und gaben auch im Vorfeld keine Wahlempfehlung zu seinen Gunsten aus. (Siehe dazu auch „Sub Marcos im Interview: Die Kraft von Unten – Über Atenco, Politiker und die Medien“) [...]

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